Geisteswissenschaftliches Kolleg (2017-2019): Stipendiatin Zoe Zobrist berichtet aus der AG „Literaturtheorie nach 2001“

Zoe Zobrist, Stipendiatin der Schweizer Studienstiftung, erläutert, wie die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Marcel Lepper Literaturtheorie neu zu denken versucht.

Wo steht die Literaturtheorie „after theory“, wenn der „lange Sommer“ (Ph. Felsch) vorüber ist, sich erst das Objekt und dann auch noch das Subjekt leise verabschiedet haben, „turns“ und „turns“ von „turns“ überstanden sind? Kann die Literaturtheorie weitermachen wie bisher, wenn die Welt rundherum eine andere ist, nach dem Ende des Kalten Kriegs, den Terroranschlägen von 2001 und den großen Weltwirtschaftskrisen? Genau diesen Fragen widmet sich die Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Marcel Lepper.

Nachdem die Literaturtheorie lange Jahre von Ansätzen zehrte, die der Konjunktur der 1960er- bis 1980er-Jahren entstammten, scheint die Welt nun endgültig eine andere zu sein. In unserer Kolleggruppe untersuchen wir, was das für Auswirkungen auf die Literaturtheorie hat. Wir besprechen neuere Theorien der Literatur: Theorien, die von einem neuen Verhältnis von Dingen und Menschen zueinander ausgehen; Theorien, die das Konzept des Menschen neu denken wollen; Theorien, die Ansätze der Kognitionswissenschaften mit Erkenntnissen der Literaturwissenschaften zusammen denken. Und wir hinterfragen sie kritisch: Ist das, was hier geschieht, wirklich neu? Und wenn es neu ist, hilft uns das wirklich dabei, Literatur und darüber vielleicht auch „Welt“ besser zu verstehen? Wir verlieren dabei aber die Literaturtheorie vor 2001 nicht aus den Augen: einerseits, weil sie die Basis für viele aktuelle Theorien bildet, andererseits, weil sie uns vielleicht trotzdem – oder gerade weil sie aus einem anderen sozio-politischen Setting kommt – etwas über unsere heutige Zeit und Literatur sagen kann.

Unsere Treffen strukturieren sich nach Themengruppen. In Heidelberg haben wir das Feld sondiert und uns in gängige Einführungen in die aktuelle Literaturtheorie eingelesen. In Bautzen waren unsere Schwerpunkte die Bereiche Materialität und Medialität und wie diese nach 2001 gedacht werden können – als Kontrapunkt dazu kognitive Poetik, die versucht, Prozesse verstehbar zu machen, die sich mit der kognitiven Informationsverarbeitung von Literatur beschäftigen. In Berlin widmeten wir uns dem Zusammenspiel von Literatur und Gesellschaft: Wie beeinflussen sich Literatur und Gesellschaft gegenseitig, und was wäre die Aufgabe von Literatur für die Gesellschaft? Unsere Zwischentreffen fokussieren wir auf einzelne Personen und deren Ansätze, die uns in Hinblick auf unsere Schwerpunkte relevant erscheinen: Friedrich Schlegel und die Kritische Theorie mit Walter Benjamin und Theodor W. Adorno.

Aus all dem ergibt sich eine neue Perspektive; auf das Feld der Literaturtheorie nach 2001, aber auch auf so etwas wie „Welt“. Neue Ansätze, alte Ansätze neu gelesen. Nicht zuletzt machen wir Literaturtheorie. Eines unserer Ziele ist es, Literaturtheorie anders zu modellieren und neu darzustellen, organischer. Um das zu erreichen, müssen wir Literaturtheorie in erster Linie anders denken. Wir überlegen, wo Verknüpfungen bestehen und knüpfen selber neu. Und vielleicht entsteht daraus eine andere, lebendige Karte der literaturtheoretischen Landschaft.

Zoe Zobrist ist Stipendiatin der Schweizerischen Studienstiftung und studiert Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften, Philosophie und Gender Studies an der Universität Zürich.