SmP – Stipendiat:innen machen Programm /
15 Jahre "Stipendiat:innen machen Programm"
Anlässlich des Programmjubiläums blicken wir anhand ausgewählter Bilder und Veranstaltungsberichte zurück auf 15 Jahre „Stipendiat:innen machen Programm“. In einem Interview erzählen drei Geförderte außerdem exemplarisch von ihren Erfahrungen mit der Organisation einer SmP-Veranstaltung, den besonderen Herausforderungen und ihren persönlichen Highlights.
Ein Rückblick in Bildern
Ausgewählte Veranstaltungsberichte aus 15 Jahren SmP
2011
- „Planungswochenende Soziale Projekte“
- Passauer Stipendiatentagung „Solidarität und Individualismus“
- „BildungsChancen“
- Sommerworkshop „Freiheit des Willens und Wille zur Freiheit“
- Leipziger Kurztagung „1990 bis 2010: Ost und West wächst zusammen, oder nicht?“
- „Europas ,wilder Osten´? Herausforderungen im Übergang zwischen ,real existierendem Sozialismus´ und liberaler Demokratie“
2012
2013
2015
2016
2019
2020
- SmP Digital „Die Rolle indigener Frauen im Kampf um das Amazonasgebiet“ (Interview)
- SmP Digital „Europas digitale Zukunft“ (Interview)
2024
“Planungswochenende Soziale Projekte" - 2011
Am ersten Adventwochenende machten sich über 20 Frankfurter Stipendiaten auf den Weg zu einem idyllisch gelegenen Jugendgästehaus in der Nähe der Mainmetropole. Ganz nach dem Motto „Stipendiaten machen Programm“ war das Ziel gesetzt, neue Ideen und Konzepte für soziale Projekte zu erarbeiten und sich gleichzeitig untereinander besser kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen.
Am Samstag beschäftigten wir uns in Kleingruppen mit vier verschiedenen sozialen Projekten. So überlegten wir, wie das Projekt „Homecare International“ in Kenia das Dach eines Waisenhauses finanzieren kann. Eine andere Gruppe diskutierte über Möglichkeiten, das Konzept der Organisation „Klimaschutz+“ besser zu vermarkten. Ein drittes Projektteam erstellte für die Organisation „Gute Tat“, die mit über 60 gemeinnützigen Organisationen zusammenarbeitet, eine Vortragsreihe mit Themen, die für ehenamtliche Arbeit relevant sind. Mit dem Projekt „Welcome Guides“, bei dem Einwohner ihre Stadt neu Hinzugezogenen zeigen und so miteinander in Kontakt treten, beschäftigte sich ein viertes Team.
Der Kontakt zu den sozialen Projekten wurde durch Stipendiaten hergestellt. Drei der vier Organisationen unterstützten unsere Arbeit vor Ort, Vertreter der Organisationen arbeiteten zum Teil auch in den Gruppen mit. Unser Dank für diese Bereicherung des Wochenendes gilt Dr. James Karanja (Homecare International), Peter Kolbe (Klimaschutz+) und Jens Flammann (Welcome Guides).
Am Sonntagvormittag wurden schließlich die Ergebnisse präsentiert und im Plenum diskutiert. Es war erstaunlich, wie viel wir an nur zwei Tagen zusammentragen konnten. So plant die Kenia-Gruppe für das nächste Jahr konkrete Spendenaktionen (z.B. einen Kenia-Aktionstag) oder die Kontaktaufnahme zu Organisationen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit. Darüber hinaus wird jede Gruppe Nachtreffen organisieren, um die Projekte auch nach dem gemeinsamen Wochenende zu unterstützen. Und nicht nur das: Schon während der diskussionsreichen Abende wurde der Plan gefasst, erneut ein solches Wochenende zu organisieren und sich auch öfter in Frankfurt zu treffen.
Es freut uns sehr, dass nicht nur wir, die Frankfurter Stipendiaten, sondern auch die Organisationen mit dem Ergebnis des Projektwochenendes zufrieden waren. Jens Flammann, Gründer des Projekts „Welcome Guides“, zog nach dem Wochenende ein sehr persönliches Fazit: „ Diese jungen Leute machen mir Appetit auf die Zukunft!“
Julia Engel, Kevin Henrichs, Lena Keller
Passauer Stipendiatentagung “Solidarität und Individualismus” - 2011
Bereits seit mehreren Jahren besteht die Tradition, dass Passauer Stipendiaten an einem Herbst-Wochenende gemeinsam mit ihren Vertrauensdozenten verreisen. Alljährlich mit im Gepäck: ein gut diskutierbares, gesellschaftspolitisches Thema. Während sich im letzten Jahr in Niederaltteich alles um Fragen der Sicherheit drehte, stand dieses Jahr das Thema „Solidarität und Individualismus“ im Mittelpunkt des Dialogs. Kloster Aldersbach, ruhig und idyllisch zugleich, bot einen perfekten Rahmen für den regen Austausch der diesjährigen Tagung.
Nachdem die erste Nacht in den überraschend komfortablen Mönchszellen gemeistert war, fesselte der Theologe und Wirtschaftsethiker Professor Dr. Peter Fonk die Zuhörer mit seinem Vortrag zum Thema „Gewinne machen mit sauberen Händen? Unternehmen im Spannungsfeld legitimer Ansprüche“. Wer legt fest, welches Handeln gerechtfertigt oder moralisch einwandfrei ist? Wie können „gerechte Gewinne“ bestimmt und erzielt werden? Woran können sich Wirtschaftsakteure, aber auch „normale“ Menschen im Beruf orientieren, wenn sie Entscheidungen zwischen Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung treffen müssen? Diese und weitere Fragen bewegten die Stipendiaten.
Kernstück der Tagung bildeten die von den Stipendiaten selbst angebotenen Workshops. Solidarität unter Völkern, Solidarität innerhalb der Gesellschaft und Solidarität zwischen Individuen – aus diesen Blickwinkeln näherten wir uns dem Spannungsfeld Solidarität und Individualismus. Dabei versetzten wir uns in die Rolle von Mikrofinanzinstituten, von Entwicklungshelfern in Brasilien, von Organspendern und Organspendeempfängern sowie der amerikanischen Gesundheitsministerin. Im lebendigen Dialog entdeckten wir, dass das Grundprinzip des menschlichen Zusammenseins keineswegs simpel und selbstverständlich, sondern geladen mit Verantwortung sowohl des Staates als auch des Einzelnen ist.
Die intensiven und äußerst gelungenen Workshops der Tagung wurden durch ein kleines kulturelles Rahmenprogramm ergänzt. Noch nach der Ankunft am Freitagabend erkundeten wir die Klosteranlage, die zugehörige Asamkirche sowie die Klosterbrauerei. Beim anschließenden Besuch im gemütlichen Braustüberl bot sich für Stipendiaten und Vertrauensdozenten die Gelegenheit des gegenseitigen Kennenlernens in geselliger Runde. Auch der Zuwachs durch einen Münchener Stipendiaten wurde allerseits begrüßt. Die Kombination aus Workshop und formlosem Austausch erwies sich als Erfolgsrezept, das einen außergewöhnlichen Ideen- und Gedankenaustausch ermöglichte.
Wir begrüßen die Mitgestaltungsmöglichkeiten, die die neue Programmlinie „Stipendiaten machen Programm“ eröffnet. Bis zum nächsten Jahr, wenn es wieder heißt: Passauer Stipendiaten machen Programm!
Lisa Einhaus
"BildungsChancen” - 2011
Laut PISA-Studie ist in keiner anderen OECD-Nation der schulische Erfolg so abhängig von Herkunft und Bildungsstand der Eltern wie in Deutschland. Wie gerecht ist also Bildung eigentlich in Deutschland? Und was können wir als Stipendiaten und Alumni der Studienstiftung für mehr Chancengerechtigkeit tun?
Anlässlich des Themas „Bildungschancen in Deutschland“ traf sich eine Gruppe Berliner Stipendiaten im Taubenschlag, dem Seminarraum des Berliner Büros der Studienstiftung. Als Ergebnis dieses und folgender Treffen und nach dem Austausch mit ande-ren Bildungsinitiativen beschlossen wir, selbst aktiv zu werden.
Anfang 2011 gründeten wir die Initiative BildungsChancen als bundesweiten Verein. Mit unserer Arbeit machen wir auf die Notwendigkeit aufmerksam, Bildungsgerechtigkeit in Deutschland zu fördern. Wir stellen zugleich eine Plattform für die Vernetzung von Initiativen mit gleicher Zielsetzung zur Verfügung, um den Erfahrungsaustausch und die gemeinsame Interessenvertretung zu unterstützen. Hierfür haben wir lokale Initiativen unter dem Programm „BildungsChancen X“ ins Leben gerufen mit dem Ziel, zukünftig in jeder großen Stadt einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leisten zu können.
Als Auftakt fand zu Beginn des Sommersemesters 2011 die Podiumsdiskussion „Chancenungleichheit im Bildungssystem – Mentoring als Antwort?“ statt und das Kontaktseminar „Mentoring-Programme im Gespräch“ mit insgesamt über 60 Gästen. Beide Veranstaltungen boten interessante Perspektiven und erhielten ein sehr positives Feedback – auch von etablierten Initiativen wie „arbeiterkind.de“ und „Rock Your Life e.V.“. Motiviert durch diese Resonanz konnten wir neue Mitglieder gewinnen und gemeinsam an der weiteren Konzeption der BildungsChancen und der Planung von Veranstaltungen arbeiten.
Im September startete die Workshopreihe „Chancengerecht – Softskills-Seminare zum Berufseinstieg“ mit insgesamt fast 100 Teilnehmern. Es ging hierbei vor allem um die Vermittlung besonderer Fähigkeiten für den Berufseinstieg. Zielgruppe waren vornehmlich Stipendiaten mit nichtakademischem Hintergrund, denen diese Kenntnisse an der Universität nicht vermittelt werden.
Die bisher größte Veranstaltung war eine Podiumsdiskussion am 1. November 2011 zum Thema „Stipendien im Spannungsfeld zwischen Exzellenz und Chancengerechtigkeit“. Mit hochkarätigen Vertretern aus der Begabtenförderung, Wissenschaft und Politik – anwesend waren z.B. Professor Dr. Andrä Wolter, Dr. Stephanie Stegemann-Böhl, MdB Patrick Meinhardt (FDP) sowie Dr. Gerhard Teufel – und mehr als 120 Gästen diskutierten wir über die aktuelle Lage in der deutschen Stipendienlandschaft.
Zakariya Ali, Ira Klinkenbusch, Faruk Tuncer
Sommerworkshop "Freiheit des Willens und Wille zur Freiheit" - 2011
Am Samstagmorgen eröffnete die stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und Münchener Kunsthistorikerin, Professor Dr. Carla Schulz-Hoffmann, den Sommerworkshop mit ihrem Vortrag zu „Kunst als moralische Instanz für ihre Zeit?!“. Am Beispiel verschiedener Künstler von Max Beckmann bis Ai Weiwei erörterte sie, inwiefern Kunst in repressiven Gesellschaften einen Freiraum zur Propagierung moralischer Werte schaffen kann.
Am Nachmittag ging der Kölner Philosoph Professor Dr. Achim Lohmar auf den Aspekt der „Kontingenz menschlicher Freiheit“ ein – also auf die Frage, inwiefern Freiheit als ontologischer Bestandteil in der menschlichen Existenz verankert ist. Auf die Vorträge folgten stets lebhafte Diskussionen im Plenum und anschließend in Kleingruppen. Abgerundet wurde der Samstag mit dem Dokumentarfilm „Sokrates hinter Gittern oder Die Eroberung der inneren Freiheit“, welcher das Pilot-Projekt eines Philosophiekurses in einer Haftanstalt dokumentiert und die Möglichkeit geistiger Freiheit in physischer Unfreiheit aufzeigt.
Der Sonntag begann mit einer „Synopsis der Diskussion über Willensfreiheit“. Referent Ingo-Wolf Kittel, Augsburger Psychiater und Psychotherapeut, verstand es, mit einer Mischung akademischer Konzepte und spiritueller Elemente zur Vielfalt des Workshops beizutragen. Schließlich trug der Rechtsphilosoph Professor Dr. Reinhard Merkel aus Hamburg in seinem Vortrag „Willensfreiheit und Schuld“ seine kontrovers diskutierte These vor, laut der Menschen in ihrem Handeln zwar determiniert sind, aber dennoch für Regelverstöße bestraft werden müssen, damit die Normativität eines gesellschaftlichen Wertesystems aufrechterhalten werden kann.
Mit dankenden Abschlussworten beendete der inzwischen emeritierte langjährige Vertrauensdozent der Studienstiftung am Hochschulort Gießen, Professor Dr. Hans-Rainer Duncker, das Symposium. Unter den Stipendiaten war der Workshop durch seinen offenen und gleichzeitig höchst anregenden und informativen Charakter auf äußerst positive Resonanz gestoßen, sodass wir auf den nächsten sicherlich gespannt sein dürfen.
Daniel Schneider
Leipziger Kurztagung "1990 bis 2010: Ost und West wächst zusammen, oder nicht?" - 2011
Diese Frage stellten sich rund 75 Stipendiaten aus Mitteldeutschland und untersuchten zusammen mit ausgewiesenen Fachexperten die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung und deren Wahrnehmung durch die Gesellschaft. Die Fachrichtungen der Teilnehmer waren vielfältig und das Programm bewusst interdisziplinär angelegt. Eröffnet wurde die Veranstaltung von der Rektorin der Universität Leipzig, Professor Dr. Beate Schücking, die von 1975 bis 1980 Stipendiatin der Studienstiftung war. Sie verwies darauf, dass Mobilität und Grenzüberschreitungen Grundpfeiler von Wissenschaft und Forschung sind. Die Alma Mater solle nach 20 Jahren Wiedervereinigung nicht nur verstärkt im internationalen Wettbewerb agieren, sondern wolle weiterhin ein weltoffener Ort des Studiums und der Bildung sein, vor allem für ausländische Studierende.
Die an der Universität Leipzig neu ernannte Professorin für Innenpolitik, Professor Dr. Astrid Lorenz, hielt den Eröffnungsvortrag zum Thema „Einheit und Vielfalt – die Deutschlandforschung vor einem Paradigmenwechsel“. Sie verwies auf die noch nicht ausreichende Beachtung der Mehrebenen-Perspektive in der sozialwissenschaftlichen Forschung. Dabei seien gerade die Prozesse in den Kommunen und Ländern für die Erklärung der kulturellen Unterschiede und Einstellungen besonders aufschlussreich.
In drei parallel stattfindenden Workshops diskutierten die Teil-nehmer gesellschaftspolitische und sprachwissenschaftliche Fragen sowie das Thema Geschichtsbewusstsein und Erinnerungskultur. Den Abschluss bildete eine gemeinsame Podiumsdiskussion mit den jeweiligen Panelleitern. Thesenartig resümierten sie, dass das Zusammenwachsen von „Ost“ und „West“ in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens gelungen, hingegen die Erinnerung an die Umbruchszeit von 1989/90 noch stark ambivalent sei, was sich unter anderem im Sprachgebrauch der Medien verstärkt wiederfinde.
Abschließend lobten die Teilnehmer die offene und anregende Diskussionsatmosphäre, die ihnen neue Gedankengänge und Perspektiven ermöglicht habe. Die Tagung zeigte einmal mehr, dass das Bild der deutsch-deutschen Lebenswelten differenzierter und vielschichtiger betrachtet werden müsse, so die einhellige Meinunng der Stipendiaten. Die Diskussion um die jüngste Vergangenheit sei ein lohnenswertes Unterfangen, eine Voraussetzung, um die Gegenwart zu spiegeln. Daraus leiten sich bestimmte Vorstellungen für die Zukunft ab, wie ein demokratisches und reflektiertes Geschichtsbewusstsein, das nach Ansicht aller Teilnehmer eine gesellschaftliche Hauptaufgabe und eine stete Herausforderung der Bildungspolitik ist.
Frank Britsche
"Europas ,wilder Osten´? Herausforderungen im Übergang zwischen ,real existierendem Sozialismus´ und liberaler Demokratie - 2011
Bereits während der von zwei Stipendiaten des Programms „Metropolen in Osteuropa“ organisierten Tagung in Moskau, die im November 2010 stattfand, reifte unsere Entscheidung, eine ähnliche Veranstaltung für Ostmitteleuropa auf die Beine zu stellen. Wir wollten uns hierbei auf den Transformationsprozess konzentrieren, der vor 20 Jahren eingesetzt hat und ehemalige Ostblockstaaten und realsozialistische Diktaturen wie Polen und Ungarn freudig in die Arme der EU sowie der „westlichen Gemeinschaft“ getrieben hat und damit hin zu Demokratie und Liberalismus. Man könnte fast meinen, es handle sich um ein hollywoodreifes Happy End, nachdem die verlorenen Kinder Ostmitteleuropas mehr als vierzig Jahre lang durch die Wüste des Stalinismus gewandert waren. Leider erscheint die Bilanz nur auf den ersten Blick uneingeschränkt positiv. Demokratieverdrossenheit, EU- Skepsis und Antisemitismus gehören ebenso in die Bilanz der letzten zwanzig Jahre wie Freiheit und Demokratie. Kein Land verkörpert diese Ambivalenz so gut wie Ungarn. Einst als „fröhlichste Baracke im Ostblock“ bekannt, schafft es Ungarn heute regelmäßig in die westlichen Medien wegen politischer Willkür, Medienzensur sowie faschistischer Straßenaufmärsche.
Unser Ziel war es, diese Ambivalenz des Transformationsprozesses wenn schon nicht zu ergründen, so doch zumindest schlaglichtartig zu beleuchten. Zu diesem Zweck hatten wir zahlreiche Dozenten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur – unter ihnen mehrere Alumni – sowie 30 Stipendiaten eingeladen und tagten vom 2. bis 6. November 2011 in Budapest. Unser erster Termin fand in der deutschen Botschaft in Ungarn statt. Der neu ernannte Botschafter Dr. Matei I. Hoffmann stand unseren Fragen mitsamt seines Referentenstabs zur Verfügung und gab uns einen Einblick in die tägliche Arbeit der Botschaft. Von ihm und seinen Mitarbeitern erfuhren wir die „offizielle“ deutsche Sicht auf Ungarn und die Region. Bei unserem kontroversesten Thema, der aktuellen politischen Situation in Ungarn, hatten wir das Glück, mit János Molnár sowohl einen Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Budapest als auch mit Ágaston Sámuel Mráz, den Leiter des konservativen Thinktanks „Nezöpont Intézet“ gewinnen zu können: Beide ergänzten sich hervorragend. Während der eine mehr als nur dunkle Wolken am Horizont aufziehen sah und den ungarischen Ministerpräsidenten für einen zumindest „doppel- bödigen“ Demokraten und Europäer hielt, versuchte der andere, etwaige Bedenken gerade in Hinblick auf die neue ungarische Verfassung zu zerstreuen.
Weitere thematische Schwerpunkte des Seminars lagen auf der wirtschaftlichen Entwicklung der Region, der Situation von Minderheiten (speziell von Behinderten) sowie auf Formen politischer Kooperation in der Donauregion. Darüber hinaus wurden auch Themen wie Festivals zeitgenössischer Musik in Mittelosteuropa oder die doppelte Transformation Bosnien-Herzegovinas nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens 1991 und nach Ende des Bürgerkriegs behandelt. Die Vorträge wurden von einem Freizeit- programm begleitet, das u.a. zwei Stadtbesichtigungen und einen Konzertbesuch umfasste. Für die Organisation und Durchführung des Seminars waren die Stipendiaten Jan Bröker, Tina Gebert und Max Trecker verantwortlich.
Max Trecker
"Rethinking Economics" - 2012
Unter dem Thema „Rethinking Economics“ erörterten 45 Stipendiaten und sieben Dozenten vom 22. bis 24. Juni 2012 in Tübingen die aktuelle Debatte über die Neuausrichtung der Volkswirtschaftslehre. Die von Stipendiatinnen und Stipendiaten im Rahmen von „Stipendiaten machen Programm“ organisierte Sommertagung fand im Tübinger Forum Scientiarum statt. Da die Keynotes für alle am Thema interessierten Studierenden geöffnet waren, nutzten wir außerdem die größeren Hörsäle im Kupferbau und im Theologicum der Universität. Im Vorfeld der Veranstaltung war der Andrang außerordentlich groß: Insgesamt gingen über 100 sehr gute Bewerbungen aus ganz Deutschland und darüber hinaus ein, von denen wir leider nur 50 zulassen konnten, um in den Workshops eine produktive Atmosphäre gewährleisten zu können.
Die Workshops bildeten den Kern der dreitägigen Tagung und die Keynotes waren jeweils ein ausgezeichneter Abschluss nach einem langen, aber produktiven Tag. Beide Vorträge waren gut besucht und ergänzten einander hervorragend. Robert Johnson nutzte den Freitagabend, um den Studierenden in groben Zügen die Probleme der modernen Volkswirtschaftslehre darzulegen und sie zu ermutigen, sich weiter kritisch mit ihrem Fach auseinanderzusetzen und den oft beschworenen Wandel zu forcieren. Prof. Alan Kirman ging am Samstagabend dann detaillierter auf die theoretischen Probleme der Volkswirtschaftslehre ein. Sehr eindrücklich und anschaulich kritisierte er das Konzept des rationalen intertemporalen Nutzenmaximierers und warb für Modelle, die etwa die Komplexität des Wirtschaftssystems und Phänomene wie Ungleichheit thematisieren bzw. nicht vernachlässigen. Insgesamt war die Atmosphäre ausgezeichnet. Viele neue Kontakte wurden geknüpft und in den Pausen anregende Gespräche geführt.
Jan David Bakker, Moritz Drechsel-Grau, Lu Liu, Johannes Wohlfart
"Adé Neoklassik" - 2013
April 2013: Wie wäre es, ein Seminar für forschungsbegeisterte VWL-Studierende zu organisieren? Dies war die Ausgangsüberlegung zu Beginn der Planung unserer Kurztagung „Adé Neoklassik“ im Rahmen von „Stipendiaten machen Programm“. Sieben Monate später: 50 Stipendiaten der Studienstiftung und des Max Weber-Programms sitzen im Raum A015 des altehrwürdigen Hauptgebäudes der Ludwig-Maximilians-Universität München und lauschen dem Eröffnungsvortrag des Seminars von Frau Prof. Utikal. Die Stimmung ist brillant.
Was bleibt zum Abschluss zu sagen? Die langwierige, mühsame Vorbereitung hat sich aus unserer Sicht auf jeden Fall gelohnt. Allein schon wegen Momenten, wie dem im Juni, als uns auffiel, dass wir das Seminar wohl tatsächlich würden durchführen können (zu Beginn hatten wir große Probleme damit, Dozenten zu finden). Oder dem im Eröffnungsvortrag, als wir realisierten, dass aus unserer Idee wirklich ein Seminar geworden war. Ein Seminar, das letztendlich entgegen aller Befürchtungen genauso verlief, wie wir es uns erhofft hatten. Wir können allen potentiellen Seminar-Veranstaltern nach uns nur empfehlen: „Macht es!“ Der Arbeitsaufwand ist definitiv so hoch, wie man sich das vorstellt, aber es lohnt sich.
Michael Lebacher, Jonas Sommer, Johannes Stoiber
"Wozu Philosophie?" - 2015
„Stipendiaten machen Programm“ hat sich für uns als eine ausgezeichnete Gelegenheit erwiesen, ein interdisziplinäres und öffentliches Projekt zur Frage nach der Philosophie umzusetzen. Nachdem wir mehrere Male an stipendiatischen Seminaren teilnehmen durften, war es eine große Freude, nun selbst ein solches Seminar zu organisieren. Die Programmlinie „Stipendiaten machen Programm“ ist ein sehr wertvolles Element der Förderung der Studienstiftung. Wir haben während unseres Studiums kein vergleichbares Format kennengelernt, das es erlaubt, Veranstaltungen derart professionell und auch so frei und selbstbestimmt durchzuführen. So werden echte Freiräume und damit wirklich offenes Denken ermöglicht. Etwas Besseres können wir uns für den intellektuellen Austausch nicht vorstellen.
Henrike Gätjens, Georg Spoo, Daniel Schöfl
Sportwissenschaftliche Akademie - 2015
Die Akademiezeit auf Usedom war eine tolle, in Erinnerung bleibende Woche. Wir haben interessante Menschen kennengelernt, waren am Strand gemeinsam laufen und interagierten morgens mit spannenden Dozenten im Seminar. Sport schürt den Teamgeist, und so sind wir trotz der großen Anzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch als Team im besonderen Maße zusammengewachsen.
Wissenschaftlich war die Woche eine spannende Herausforderung: Begeistert hat uns hierbei die Erkenntnis, wie mit dem Fokus auf den sportlichen Bereich allgemeine Fragen zum gesellschaftlichen Miteinander diskutiert werden können. So bildet der Sport einen Raum, in dem Werte erörtert und die Selbstdefinition des Individuums über körperliche und psychische Aspekte diskutiert werden können. Ebenso unter systemischen Betrachtungen, wie der Medienpolitik und wirtschaftlichen Zusammenhängen, öffnet sich über das Fenster des Sports eine Ebene, um Gesellschaft zu analysieren und über sie zu reflektieren. Den Dozierenden möchten wir herzlich für ihr ehrenamtliches Engagement danken. Es war großartig, eine Woche zusammen mit Experten tief in ein (sportverbundenes) Thema einzusteigen und Neues zu lernen.
In Bezug auf unsere praktische Arbeit ist das große Engagement aller Teilnehmenden zu nennen, die als Workshopleiter sehr kompetent ihre eigene Sportart vermittelten und damit eine Plattform des persönlichen und intersportlichen Austausches boten.
Mareike Dottschadis, Roland Fuchsberger, Ali Karaca, Sandra Malewski, Ann-Kristin Mayrhofer, Anna Lena Rehnert, Jana Sussmann
SmP-Nachhaltigkeitsakademie (Interview) - 2019
Im Jahr 2019 haben Geförderte der Studienstiftung im Rahmen der Programmlinie „Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm“ (SmP) bereits zum dritten Mal eine Akademie zu Fragen der Nachhaltigkeit organisiert. Nach Bad Schussenried (2017) und Lindlar (2018) fand die Akademie dieses Mal in Bad Lausick nahe Leipzig statt. Sara Haug und Alexey Schwarzmann haben die Veranstaltung gemeinsam mit anderen Geförderten organisiert.
Sie gehörten 2018 und 2019 zum Organisations- team der Nachhaltigkeitsakademie. Können Sie das Format skizzieren?
Schwarzmann: In diesem Jahr haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fünf Tage lang vormittags in vorab gewählten Arbeitsgruppen mit den Themenbereichen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder dem Klimaabkommen auseinandergesetzt. Die Nachmittage stehen zur freien Verfügung: Viele Sti-pendiatinnen und Stipendiaten organisieren dann eigene Workshops. So gab es bei der Akademie 2019 unter anderem einen Workshop „Holzbau: Chancen und Risiken“, eine „Klimaverhandlungssimulation“ und eine Diskussionsrunde über Gendergerechtigkeit. Den Abend füllen wir mit Kurzvorträgen externer Referentinnen und Referenten. Das Schöne an dem Format ist, dass Stipendiatinnen und Stipendiaten aus ganz Deutschland zusammenkommen, um sich zum Thema Nachhaltigkeit auszutauschen. Sie entwickeln eigene Ideen, wie sie in dem Bereich etwas ändern und voranbringen können. Es ist einfach toll zu beobachten, was dabei alles entstehen kann.
Sind die Themen der Akademie auch in Ihrem Studium verankert?
Haug: In meinem Studiengang Physik kommt das Thema Nachhaltigkeit fast nicht vor, was ich sehr schade finde. Allerdings fand ein Seminar zu erneuerbaren Energien statt, an dem ich auch teilnahm. In Tübingen gibt es außerdem das „Studium Oecologicum“ mit vielen Seminaren zu verschiedenen Nachhaltigkeitsbereichen für Studierende aller Fachrichtungen. Hier habe ich viel – allerdings freiwillig – gelernt. Persönlich hat die Nachhaltigkeitsakademie bei mir aber ein Umdenken bewirkt, so dass ich anfing, mich in meinem grünen Ortsverband zu engagieren. Hier wurde ich 2019 als Kandidatin für die Kommunalwahlen aufgestellt und im Mai zur Gemeinderätin gewählt. Neben meinem Studium versuche ich nun, möglichst viel umzusetzen, damit meine Stadt Rottenburg nachhaltiger wird.
Schwarzmann: Ich studiere Mathematik und beschäftige mich innerhalb meines Studiums überhaupt nicht mit Nachhaltigkeit. Stattdessen bin ich beim Willkommenswochenende der Studienstiftung in Tecklenburg auf die Thematik aufmerksam geworden: Dort hat sich spontan eine Gruppe gebildet, die sich über die Probleme und Herausforderungen in dem Bereich ausgetauscht hat. In dem Zusammenhang haben wir auch überlegt, was wir machen könnten, um eine nachhaltigere Welt zu gestalten. Ein Vorschlag war, an der Nachhaltigkeitsakademie der Studienstiftung teilzunehmen. Die Erfahrungen dort haben mich so sehr motiviert, dass ich mich gerne selbst aktiv an der Organisation der Nachhaltigkeitsakademie beteiligen wollte. Aus der Akademie ist bei mir ein ganz neues Bewusstsein erwachsen, so dass ich mich nun zum Beispiel auch bei „Campus for Future“ engagiere, einem hochschulübergreifenden Bündnis im Raum Stuttgart, das sich für Klimagerechtigkeit einsetzt und die Initiative „Fridays for Future“ unterstützt.
Welche Rolle spielt die Studienstiftung für die Nachhaltigkeitsakademie?
Schwarzmann: Die Nachhaltigkeitsakademie findet im Rahmen von „Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm“ statt – die Studienstiftung stellt uns also eine Finanzierung zur Umsetzung unserer eigenen Ideen und Initiativen zur Verfügung. Gleichzeitig steht uns das SmP-Team in der Geschäftsstelle beratend zur Seite und gibt uns Tipps, wenn es an der einen oder anderen Stelle hakt. Die-ser Austausch war für uns sehr wertvoll, und wir sind wirklich dankbar für die tolle Unterstützung.
Wie hat sich die Akademie seit 2017 weiterentwickelt?
Haug:Die Organisation der Nachhaltigkeitsakademie 2018 fand unter Zeitdruck statt, da wir gerne den Termin in den Pfingstferien halten wollten. Grundsätzlich war uns wichtig, dass die Idee der Akademie am Leben bleibt und weiterhin Menschen für das Thema sensibilisiert werden. 2019 hatten wir dann einen höheren Anspruch. Wir nahmen uns mehr Zeit und entwickelten ein grundlegendes Konzept: Die vier AGs sollten die vier Handlungsfelder Privates, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft repräsentieren, und während der Akademie sollte ein Austausch der AGs untereinander – und damit der Handlungsfelder – stattfinden. Außerdem haben wir 2019 bessere Strukturen für die Arbeit des Orga-Teams geschaffen, damit mehr Zeit für die inhaltliche Vorbereitung bleibt.
Welche Ergebnisse möchten Sie im Rahmen der Akademie langfristig erzielen?
Schwarzmann: Wir möchten einerseits, dass sich die Teilnehmenden zu ihren AG-Themen, aber auch darüber hinaus, austauschen und vernetzen. Sie tauchen in der Woche tiefer in die Inhalte ein. Dadurch haben sich in der Vergangenheit nicht nur spannende Diskussionen und Denkansätze, sondern zum Beispiel auch neue Formate für „Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm“ ergeben. Andererseits wünschen wir uns, dass die Teilnehmenden die Themen mit in den Alltag nehmen, mit anderen darüber sprechen und so einen Mehrwert in der Gesellschaft schaffen – auch über die Akademie hinaus.
Wie wichtig ist dieser Transfer der Ergebnisse in die Zivilgesellschaft oder in die Studienstiftung hinein für Sie?
Haug: Das ist uns sehr wichtig. Auf der Akademie hängen immer Plakate aus, die die Teilnehmenden ausfüllen können. Ein Plakat widmet sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Studienstiftung. Die Ergebnisse geben wir jedes Jahr an die Geschäftsstelle der Studienstiftung weiter, und vieles davon wurde auch schon umgesetzt, wie zum Beispiel, dass Flugreisen jetzt geringer bezuschusst werden als Bahnfahrten. Ebenfalls gibt es ein Plakat zu Nachhaltigkeit im Alltag, auf dem eigene Erfahrungen oder praktische Tipps geteilt werden können. Wir möchten hier zeigen, wie das Thema auch außerhalb der Akademie von jeder und jedem weitergetragen werden kann. Jede Person, die wir sensibilisieren können, trägt das in ihrer Art und Weise dann auch in die Zivilgesellschaft hinein.
Sara Haug, Alexey Schwarzmann; Interview: Svenja Üing
SmP Digital "Die Rolle indigener Frauen im Kampf um das Amazonasgebiet" (Interview) - 2020
Auch unsere Geförderten mussten ihre selbstorganisierten Veranstaltungen in der Programmlinie Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm (SmP) den Bedingungen der Pandemie anpassen. In der neu eingeführten Förderlinie „SmP digital“ lagen jedoch auch Chancen, wie zwei Beispiele zeigen. Theodor Borrmann organisierte mit Laura Böcker, Maria Gerlspeck und Malvika Gupta das Seminar „Die Rolle indigener Frauen im Kampf um das Amazonasgebiet“, das am 11. November 2020 stattfand.
Was war die Idee hinter Ihrer Veranstaltung?
In unserer Veranstaltung haben wir uns eingehend mit der Rolle indigener Frauen im Kampf um das Amazonasgebiet beschäftigt. Hauptanliegen der Veranstaltung war, die sozio-ökonomischen und politischen Herausforderungen amazonischer Völker genauer zu beleuchten – Herausforderungen, die nicht zuletzt auch unseren eigenen Lebensstil betreffen.
Wir empfanden es als großes Glück, die beiden indigenen Aktivistinnen Katy Machoa und Silvana Nihua Yeti als Hauptgäste gewinnen zu können, die in einem simultan gedolmetschten Gespräch ihre Perspektiven ausführlich präsentierten. Das digitale Format war für dieses Seminar eine wesentliche Voraussetzung: Eine Präsenzveranstaltung wäre weder finanziell noch ökologisch tragbar gewesen.
Welche Hürden galt es bei der Organisation der digitalen Veranstaltung zu überwinden?
Der digitalen Veranstaltung ging ein überraschend großer organisatorischer Aufwand voraus. Ich war froh, dass unser Organisationsteam aus vier Personen bestand und wir bei Fragen vom SmP-Team der Studienstiftung unterstützt wurden. Von Beginn an dachten wir darüber nach, wie wir zwischen den Teilnehmer:innen ein Gefühl der Verbundenheit herstellen können. Bei einer Präsenzveranstaltung ergibt sich dieses Gefühl ja in der Regel durch einen inspirierenden informellen Austausch. Wir haben versucht, die Atmosphäre von Präsenzveranstaltungen durch die Einrichtung mehrerer Breakout-Sessions nachzubilden. Ich befürchte allerdings, dass uns dies nur in sehr begrenztem Maße gelungen ist.
Gab es auch etwas, was Sie positiv überrascht hat?
Ja, es gab mehrere wunderbare Momente. Als Organisationsteam waren wir positiv überrascht, dass sich so viele Stipendiat:innen von unserer Veranstaltung angesprochen fühlten. Insgesamt 90 Geförderte und 34 externe Teilnehmer:innen waren bei der Veranstaltung zugeschaltet – eine Zahl, die unsere Erwartungen weit übertraf und die bei einer Präsenzveranstaltung vermutlich geringer ausgefallen wäre.
Außerdem hatten wir, um den beiden Rednerinnen ein angemessenes Honorar bezahlen zu können, am Ende der Veranstaltung alle Teilnehmenden um eine freiwillige Spende gebeten. Wir freuen uns sehr, dass dadurch ein Betrag von insgesamt mehr als 750 Euro zusammengekommen ist, der die Aktivistinnen in ihrer Arbeit unterstützt.
Theodor Borrmann, Laura Böcker, Maria Gerlspeck, Malvika Gupta; Interview: Jasmin Daam
SmP Digital "Europas digitale Zukunft" (Interview) - 2020
Auch unsere Geförderten mussten ihre selbstorganisierten Veranstaltungen in der Programmlinie Stipendiatinnen und Stipendiaten machen Programm (SmP) den Bedingungen der Pandemie anpassen. In der neu eingeführten Förderlinie „SmP digital“ lagen jedoch auch Chancen, wie zwei Beispiele zeigen. Dem Thema „Europas digitale Zukunft“ verschrieb sich ein Organisationsteam von achtzehn Mitgliedern, das die erste SmP-Webinarreihe ins Leben rief.
Was ist das Ziel Ihrer Webinarreihe zur digitalen Zukunft Europas?
Inhaltlich versucht die Veranstaltungsreihe „Europas digitale Zukunft: Netzpolitik. Cybersecurity. Datenschutz“ die Digitalisierung in ihren technischen, ökonomischen, juristischen, gesellschaftlichen und naturwissenschaftlichen Dimensionen zu erfassen und ihre Folgen, Chancen und Risiken aufzuzeigen. Die Veranstaltungsreihe ging aus dem früheren SmP-Seminar „Deutschlands digitale Zukunft“ hervor. Die Digitalisierung hat aber so viele Facetten, dass wir uns entschieden, über das Seminar hinaus eine virtuelle Vortragsreihe zu organisieren. Dadurch erreichten wir mehr Flexibilität für Vortragende und Teilnehmende und konnten verschiedene Teilaspekte der Digitalisierung in den Blick
nehmen. Durch das Onlineformat entfielen nicht nur Reisekosten, sondern wir erreichten auch viele Auslandsstipendiat:innen und Alumni:ae. Wir hoffen, dass sich dieses neue digitale Lang-Format auch für andere Themenkomplexe bewährt.
Welche besonderen Herausforderungen erlebten Sie bei der Organisation der digitalen Veranstaltungsreihe?
Zukünftigen Teams würden wir empfehlen, reichlich Zeit für die frühe Planungsphase einzuplanen.Da das Organisationsteam aus achtzehn Stipendiat:innen und Alumni:ae besteht, war zu Beginn ein gewisser Aufwand nötig, um die Aufgabenverteilung und Arbeitsabläufe zu koordinieren. Um eine möglichst große Reichweite für die Vorträge zu erzielen und eine reibungslose Anmeldung und Kommunikation auch für ein externes Publikum zu ermöglichen, erstellten wir eine eigene Website für die Vortragsreihe. Besonders die Umsetzung der Datenschutzrichtlinien und der Vorgaben des Telemediengesetzes waren dabei sehr zeitaufwändig.
Welche Tipps und Tricks haben Sie für ein gelungenes Webinar?
Eine zentrale Herausforderung bei Webinaren ist die signifikant verkürzte Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörenden, so dass weitere Tools oder abwechslungsreiche
Vortragsformate wichtig sind. Ein beständiges Highlight unserer Webinare waren die interaktiven Elemente, zum Beispiel die Frage-und-Antwort-Runden mit den Vortragenden. Das Publikum konnte dabei in Echtzeit die Fragen priorisieren. Dieses System hat uns bisher sehr reflektierte, spannende Fragerunden beschert, welche einen wunderbaren Ausgangspunkt für anschließende Diskussionen in Kleingruppen boten.
Was geht aus Ihrer Sicht bei digitalen Veranstaltungen verloren?
Der größte Unterschied zu physischen Präsenzveranstaltungen besteht in deren Charakter als gemeinsamem Erlebnis. Das können digitale Veranstaltungen trotz aller Erfolge in puncto Wissensvermittlung nicht vollständig replizieren. Zufällige Begegnungen in der Pause, gemeinsame Heimwege zum Weiterdiskutieren oder den Extra-Tisch, an dem sich eine kleine hartnäckige Gruppe noch bis tief in die Nacht im Thema festbeißt, bieten digitale Veranstaltungen nicht. Zwar geben wir unser Bestes, auch diese persönlichen Momente des Austauschs durch partizipative Tools zu ermöglichen. Aber alles in allem funktioniert die digitale Kopräsenz in den Webinaren doch hauptsächlich als individuelles
Lern-, anstatt als gemeinsames Gruppenerlebnis. Vorteilhaft hingegen ist, dass es durch virtuelle Vorträge möglich ist, ohne Probleme internationale Vortragende, beispielsweise aus den USA oder den Niederlanden, einzuladen. Diese Internationalität der Teilnehmenden macht vieles wett. Für die Zukunft hoffen wir, die Webinare um Offline-Veranstaltungen ergänzen zu können.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie „Digitalisierung“ hören?
Wir verstehen die unzähligen Beispiele, in denen Digitalisierungsvorstellungen und -wirklichkeiten stark auseinanderklaffen, als Handlungsaufforderung. Die Digitalisierung ist keine monolithische technologische Entwicklung, sondern die Wechselwirkung unzähliger Gestaltungsentscheidungen und Machtgefälle. Mit unserer Webinarreihe möchten
wir dazu beitragen, diese Facetten sichtbar zu machen. So möchten wir mitgestalten, welche Digitalisierung wir erleben, und dabei andere zur Mitgestaltung motivieren.
Im Organisationsteam der Webinarreihe wirkten mit: Linn Bieske, Florian Dahlhausen, Sophia Dietrich,Falco Drießen, Stefan Genchev, Gabriel Häusler, Daniel Heid, Rebecca Janßen, Johannes Knaute, Stephan Mohr, Marcus Nonn, Finn Nußbaum, Sabine Prechter, Laura Ritter, Lea Schubert, Tassilo Schwarz, Leon Wehmeier, Lukas Wendt; Interview: Jasmin Daam
































