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Porträts
Paul Krauß

Demokratiewissenschaft
Universität RegensburgVerantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, ist für Paul Krauß kein abstraktes Prinzip, sondern ein innerer Antrieb. Das Projekt „Klub der Gewinner“ konnte er mit einem Engagementstipendium entscheidend und sehr erfolgreich ausweiten.
Mobbing als zentrales Thema der Jugendarbeit
Als langjähriger Ansprechpartner in der evangelischen Jugendarbeit stieß Krauß immer wieder auf ein Thema, das Jugendliche besonders umtreibt: Mobbing. Mindestens jeder sechste junge Mensch erlebt wiederholt Formen von Ausgrenzung verbunden mit psychischer und/oder physischer Gewalt – und dennoch fehlt dem Thema gesellschaftliche und politische Sichtbarkeit. Für den 25-Jährigen ist klar: „Mobbing kann jede und jeden treffen, einfach so und überall.“
Mit dem von ihm gegründeten „Klub der Gewinner“ verbindet er Erfahrungen aus Jugendarbeit und Medienpraxis und schafft einen Ort, an dem Betroffene mit kreativen Mitteln erzählen, gestalten und aufklären. Sie suchen den Fehler oft bei sich, sehen sich als Verlierer. Im „Klub der Gewinner“ öffnen sie sich, machen anderen Mut und spüren, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, von Mobbing in all seiner Willkür betroffen zu sein. Aus Ohnmacht entsteht Handlungsmacht. Lehrkräfte, Eltern und Mitschüler:innen werden sensibilisiert, genauer hinzuschauen und früh einzugreifen.
Ein Tabuthema erhält eine Bühne
Die Initiative, die jungen Menschen ein Sprachrohr gibt und dem Tabuthema Mobbing Sichtbarkeit verschafft, spiegelt auch Krauß‘ wissenschaftliche Interessen und seine Expertise wider: Nach einem Bachelor in Theater- und Medien- sowie Politikwissenschaft in Erlangen studierte er Demokratiewissenschaft im Master an der Universität Regensburg. Für die vorlesungsfreie Zeit gegen Ende seines Masterstudiums bewarb sich Krauß erfolgreich um ein aus privaten Mitteln der Studienstiftung finanziertes Engagementstipendium. Dieses ermöglichte ihm, sich dem „Klub der Gewinner“ in Vollzeit zu widmen.
„In der Medienarbeit ist eine gewisse zeitliche Flexibilität unerlässlich. Auch partizipative Jugendarbeit lebt vom langen Atem: Erst Schritt für Schritt machen die jungen Ehrenamtlichen ein Projekt zu ihrem Projekt und wachsen an den immer neuen Aufgaben. Voller Einsatz für diese beiden Komponenten meiner Initiative – die Jugend- und die Medienarbeit? Das war nur mit Unterstützung der Studienstiftung möglich“, so Krauß.
Filmprojekt: Jugendliche erzählen ihre Geschichten
Schon seit 2021 setzen sich Kinder und Jugendliche aus seiner bayerischen Heimatstadt Roth im „Klub der Gewinner“ mit wahren, teils eigenen Erfahrungen von alltäglicher Ausgrenzung auseinander. Rund 25 von ihnen entwickelten und produzierten unter seiner Regie einen Kurzfilm: Sie schrieben das Drehbuch, führten die Kamera, standen selbst vor ihr und erzählten vier ihrer Mobbinggeschichten nach – Erlebnisse aus Klassenzimmern, Sportvereinen und Betrieben, von psychischer wie physischer Gewalt, über die sie in vielen Treffen gesprochen haben, Situationen, die sich überall ereignen können und die nachhallen.
Der Film „Es kann jeden treffen“ wurde 2022 bayernweit auf Jugendfilmfestivals gezeigt und mehrfach ausgezeichnet.
Aufklärungskampagne mit großer Resonanz
2024 erweiterte die Gruppe ihre Arbeit um eine eigene Aufklärungskampagne, deren Schirmherrschaft der Erste Bürgermeister ihrer Heimatstadt übernahm. Auf professionell gestalteten großformatigen Plakaten zeigten die Jugendlichen mit Schwarz-Weiß-Porträts Gesicht. QR-Codes führten zu anonymisierten wahren Mobbingberichten, die der „Klub der Gewinner“ aufbereitet hatte.
Für die digitale Seite griff Krauß auf die noch junge journalistische Darstellungsform des Scrollytellings zurück: von Animationen begleitete und mit Grafiken aufbereitete Erfahrungsberichte, optimiert für die digitale Rezeption mit kurzer Lesezeit.
Öffentliche Einrichtungen, Bildungsträger oder Einzelhändler zeigen seitdem mit dem leuchtend gelben Kampagnenlabel „Mit dir gegen Mobbing“, dass auch sie sich gemeinsam mit den Jugendlichen gegen das gesamtgesellschaftliche Problem stellen. Seit Dezember 2024 prägt die Kampagne vielfach das Stadtbild der Kreisstadt Roth.
Dialog und Empowerment: „Du bist nicht allein“
Auch digital und auf Podien wird der Austausch fortgeführt: Bei Themenabenden mit Expert:innen, Politikschaffenden und Betroffenen vermitteln die Jugendlichen ihre wichtigste Botschaft: „Du bist nicht allein.“ Sie reden über Mobbing, diskutieren Lösungsansätze, stellen Material bereit und laden Schulen ein, sich zu beteiligen.
Ihr Engagement und ihr Mut werden gesehen. Mittlerweile hat das Projekt weit über die Grenzen Roths hinaus Aufmerksamkeit gewonnen – und wirkt zugleich nach innen: Das positive Echo stärkt die Jugendlichen, weiterhin ihre Stimme zu erheben.
Das Ergebnis mache ihn stolz, erzählt Krauß: „Die Mitwirkenden zeigen selbstbewusst Gesicht für unser Herzensanliegen, haben Fernseh- und Zeitungsinterviews gegeben, berichten in Schulklassen von ihren Erfahrungen. Das sind große Schritte!“
Anerkennung und Wirkkraft
Der „Klub der Gewinner“ wurde mehrfach ausgezeichnet, erhielt zuletzt 2025 den Bayerischen Engagiert-Preis sowie 2024 und 2025 eine Nominierung für den Deutschen Engagementpreis. Krauß‘ Engagement wurde mit dem Publikumspreis „Mover of Tomorrow“ der Allianz Foundation 2024 und dem Ideenpreis für herausragendes Engagement im Bereich Jugendbeteiligung des Bündnisses für die junge Generation 2024 gewürdigt.
Im Rahmen der Verleihung des Ideenpreises stellte er das Projekt der Bundesfamilienministerin vor. „Weil strukturelle Hürden im Schulwesen der effektiven Mobbingprävention und -intervention entgegenstehen, ist politische Aufmerksamkeit wichtig. Die Anliegen junger Menschen dürfen nicht unter den Tisch fallen“, betonte er dort.
Demokratie, Öffentlichkeit und Forschung
Auf theoretischer Ebene bestimmt die Themensetzung in öffentlichen Debatten auch Krauß‘ wissenschaftliche Tätigkeit. Als Research Fellow des Berliner Weizenbaum-Instituts vertieft er aktuell in einer internationalen Forschungsgruppe sein Interesse am Spannungsfeld zwischen Demokratie und Plattformökonomie und untersucht die demokratietheoretische Frage, welche Akteure und Kriterien über die Themenplatzierung in der digitalen Medienöffentlichkeit entscheiden.
Mit dem Rückenwind der renommierten Henri-Nannen-Schule in Hamburg, wo er seine Ausbildung ab dem Jahreswechsel fortsetzen wird, möchte er solche Problemfelder künftig zugleich anwendungsorientiert und demokratiewissenschaftlich weiterbearbeiten. „Demokratie in Theorie und Praxis – mir macht das große Freude“, so Krauß.
Neue Formate: Botschafterprogramm gegen Mobbing
Inzwischen konnte er Förderer gewinnen, die ein Botschafterprogramm gegen Mobbing unterstützen: In einem 90-minütigen Workshopmodul von Jugendlichen für Jugendliche setzen sich Schulklassen zusammen mit dem „Klub der Gewinner“ spielerisch mit wahren Mobbing-Fällen auseinander. Awareness herstellen für das virulente Problem und die Fallstricke bei der Prävention, Empathie mit Betroffenen fördern und die gesamte Schulfamilie bestärken, sich gezielt gegen Mobbing einzusetzen – der Workshop mit multimedialem Begleitmaterial stößt auf große Resonanz bei den Schulen.
Weitere Ideen sind in der Planung. Dabei sind es die persönlichen Geschichten, die Krauß in seinem Engagement bestärken: „Ein Jugendlicher sagte nach einem Auftritt auf dem roten Teppich bei einem Filmfestival, das sei für ihn das schönste Erlebnis seit Langem gewesen. Eine andere Betroffene macht ihrer kleinen Schwester Mut, die stolz unser Kampagnenmaterial mit in die Grundschule bringt. Manchmal werden die Mitglieder des Klubs auf der Straße erkannt und gelobt für unseren unermüdlichen Einsatz. Erwachsene öffnen sich und berichten, dass auch sie einst betroffen waren und wir ihnen aus der Seele sprechen.“
Zivilgesellschaftliche Gestaltungskraft
Mit dem „Klub der Gewinner“ zeigt Krauß, wie kraftvoll zivilgesellschaftliches Engagement sein kann. Hier werden Anliegen junger Menschen nicht nur gehört – sie verändern etwas. Mit medialer Kreativität, sozialer Verantwortung und wissenschaftlicher Reflektion schafft Krauß einen Raum, in dem junge Menschen ihre Erfahrungen teilen, Solidarität erfahren und selbst zu Gestalter:innen werden.
Krauß selbst verstärkte in diesem Jahr das Juryteam zur Vergabe der nächstjährigen Engagementstipendien und bleibt damit der Förderlinie verbunden. Sein Herzensthema Mobbing-Prävention wird ihn auch zukünftig nicht loslassen.

