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Porträt

Michael Kathan

Chemie, Postdoktorand

Universität Groningen, Niederlande

Michael Kathan erhält den Friedrich Hirzebruch-Promotionspreis 2020 für die Erforschung neuer chemischer Konzepte, in denen Lichtenergie eingesetzt wird, um beispielsweise die Synthese und Materialbeschaffenheit von Kunststoffen zu steuern.

Der Rätsellöser

Kein Chemiebaukasten, keine Garagenexperimente: Die Leidenschaft für Chemie war bei Michael Kathan nicht von klein auf an ausgeprägt. Er fuhr lieber Ski, wanderte und kletterte. „Eben alles, was man so macht, wenn man in den Alpen aufwächst“, sagt der 32-Jährige, der im oberbayerischen Weilheim geboren ist. Und dann ist da noch die Musik, die Kathan bis heute begleitet: Gitarre spielen, selbst Stücke schreiben, singen.

Moleküle und Atome spielten also keine tragende Rolle in Kathans Jugend. „Allerdings war ich als Schüler immer sehr gut in Chemie“, betont er. Irgendwie sei ihm der Zugang stets leicht gefallen. „Die Lehrerin hat es einfach gut rübergebracht und ich fand es faszinierend, dass ich im Prinzip alles um mich herum in Molekülen beschreiben kann“, erzählt Kathan.

Chemie erinnere ihn an ein riesiges Sudoku, an ein Rätsel, das er – bis heute – mit Freude, Können und einer gehörigen Portion Kreativität löst. „Viele Menschen unterschätzen, wie kreativ Wissenschaft ist“, ist Kathan überzeugt. Anfänglich inspirierten ihn Strukturformeln und Reaktionsgleichungen, die er auf ein Blatt zeichnete und dabei überlegte, welches Produkt entstehen soll. „Heute, in der Forschung, entwickle ich Projekte und erarbeite Hypothesen. Das ist für mich ähnlich kreativ, wie einen Song zu komponieren“, erklärt er.

Von Bayern nach Berlin

Nach dem Abitur tritt Michael Kathan den Zivildienst an – in einer Fachklinik bei Füssen: „Da habe ich viel Leid gesehen und kurz überlegt, Medizin zu studieren“, so Kathan. Doch das Fach sei ihm letztlich zu empirisch gewesen. Da kam die Chemie wieder ins Spiel, die Erinnerung an seine Schulzeit. 2008 beginnt Kathan an der Freien Universität Berlin Chemie zu studieren.

Das Bachelorstudium nutzt er vor allem, um sich einen Überblick zu verschaffen. 2012 nimmt ihn die Studienstiftung in die Förderung auf. Nach dem Masterstudium, in dem sich seine Vorliebe für organische Chemie abzeichnet, bewirbt sich Kathan 2014 für das Promotionsstipendium der Studienstiftung.

Seine Forschungsidee, die er dann als Doktorand bei Professor Stefan Hecht an der Berliner Humboldt-Universität entwickelt und umsetzt: Licht als Werkzeug zu nutzen, um den Verlauf chemischer Reaktionen zu kontrollieren und Materialeigenschaften zu steuern. Im Mittelpunkt steht die „Photo-Umpolung“, bei der das chemische Verhalten von Molekülen durch das dosierte Bestrahlen mit Licht verschiedener Farben grundlegend verändert werden kann.

Robuste Bindungen – charakteristisch für viele Kunststoffe – lassen sich mit diesem Ansatz knüpfen und wieder aufbrechen. Gewissermaßen ein „Lichtblick“ für das Recycling der wachsenden Plastikflut – und damit widmet sich Kathans Promotion einer großen gesellschaftlichen Herausforderung. „Bis dieses Konzept in die Anwendung geht, braucht es noch ein paar Jahre. Aber darum geht es nicht, sondern um eine völlig neue Herangehensweise, die in der Gesellschaft einen Paradigmenwechsel herbeiführen könnte“, erklärt Kathan.

Auszeichnung als Gesamtpaket

Vor diesem Hintergrund ist der Promotionspreis für den Forscher weitaus mehr als eine Honorierung seiner fachlichen Expertise. „Der Preis ist nicht eindimensional, sondern berücksichtigt die langfristige gesellschaftliche Wirkung meiner Forschung. Die Auszeichnung ist für mich wie ein Gesamtpaket, das sowohl Forschung als auch Persönlichkeit beinhaltet“, erklärt der 32-Jährige.

Dieses „Gesamtpaket“, diese Verbindung aus Persönlichkeit, Wissen und Leidenschaft, gepaart mit einer gesellschaftlichen Verantwortung, ist es, die Kathan auch in seiner Forschung sucht: Kathan blickt gerne über den Tellerrand der „Chemiesuppe“ und beschäftigt sich mit Wissenschaftsphilosophie und -kommunikation: „Das ist doch klasse, wenn man Wissenschaft in einen gesellschaftlichen Kontext stellt und den Menschen erklärt, warum es cool ist, was man da gerade macht. Es geht nicht darum, immer mehr Wissen nur anzuhäufen, sondern auch, es zu teilen.“

Einen anschaulichen Weg Forschung mitzuteilen, geht Kathan selbst: Kathan zeichnet gern und gut – viele Zeichnungen in seinen Veröffentlichungen hat er selbst angefertigt.

Aktuell forscht Kathan als Postdoktorand bei Professor Ben Feringa in Groningen, jenem Wissenschaftler, der mit seinen molekularen Motoren 2016 den Nobelpreis in Chemie gewonnen hat: „Inspirierend, aufregend und spannend“, resümiert Kathan.

Und auch geografisch gefällt dem Bayern der flache Nordwesten. Für künftige Forschungsaufenthalte gibt es jedoch eine Bedingung: Felsen oder zumindest eine Kletterhalle. „Die brauche ich als Ausgleich, auch wenn ich die meiste Zeit im Labor verbringe.“ Ob Indien, Marokko oder Patagonien – der junge Mann reist für seine Leidenschaft rund um den Globus – und notfalls eben auch in die Kletterhalle in Groningen.

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Stand: Juni 2020