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Porträt

Sagithjan Surendra

Molekulare Medizin

Universität Erlangen-Nürnberg

Sagithjan Surendra hat Molekulare Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg studiert. Für sein ehrenamtliches Engagement erhält er den Engagementpreis der Studienstiftung 2020.

Der Weltbürger

Mit 13 Jahren schrieb er seinen ersten Roman, drei Jahre später folgte das populärwissenschaftliche Astronomiebuch „Ein Sprung durch Raum und Zeit“. Sein Abitur bestand Sagithjan Surendra mit einer Traumnote von 0,9. Er fotografiert – „Fotos sind für mich keine Erinnerung, sondern eine Erfahrung, sie halten keinen Augenblick fest, sondern schaffen stets neue Momente“ und dreht nebenbei auch noch erfolgreich Filme: 2018 gewann Surendra bei einem Auslandssemester in Neuseeland mit dem Kurzfilm „Mourning“ den ersten Preis in einem Film-Wettbewerb.

Seinen Abschluss in Molekularer Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat der 21-Jährige frisch in der Tasche – und bringt sich ehrenamtlich in das von ihm gegründete Aelius-Förderwerk ein.

Zugegeben, es wird einem ein wenig atemlos angesichts dieser Fülle an Aktivitäten. Ob Naturwissenschaften, Literatur oder Kunst – der Stipendiat der Studienstiftung hat noch unzählige weitere kreative Ideen im Kopf. Seine Begeisterung für neues Wissen ist nahezu grenzenlos: „Wer Leidenschaft für ein Thema mitbringt, findet auch immer die Zeit“, lautet seine Devise. Surendras größte Sorge: mit Tunnelblick durchs Leben zu gehen. „Ich will nicht abgeschottet vor mich hin forschen oder arbeiten und den Kontakt zur Gesellschaft verlieren“, sagt der Student.

Eltern als Wegbereiter

Surendra weiß aus eigener Erfahrung, warum Vorbilder so wichtig sind. Seine  Eltern flüchteten vor dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka und bauten sich als tamilische Einwanderer in Nürnberg ein neues Zuhause auf: bescheiden, ohne große finanzielle Mittel. Sie steckten ihre eigenen Ansprüche weit zurück, um ihren beiden in Deutschland geborenen Söhnen ein sicheres Leben zu ermöglichen. Große Sprünge kann sich die Familie bis heute nicht leisten. Restaurant- und Theaterbesuche, Kinogänge oder Urlaube gehörten nicht zu Surendras Alltag in der Kindheit oder Jugend. Im Gegenteil: Um seine Eltern nicht mit den Kosten einer Klassenfahrt zu belasten, erfand er beispielsweise als Ausrede eine Familienhochzeit um nicht mitzufahren. Weder die Eltern noch die Lehrer erfuhren damals die Wahrheit.

In der Schule selbst ist Surendra ein vorbildlicher Schüler mit überdurchschnittlich guten Noten, immer darauf bedacht, seine Eltern nicht zu enttäuschen. Empfunden hat er die Zeit im Kindergarten und in der Schule als Bereicherung und Herausforderung zugleich, denn im Austausch mit seinen Freunden und Mitschülern bemerkt er erstmals, dass er in einem Umfeld aufwächst, das für viele andere neu und unbekannt ist.

„Ich bin zweisprachig aufgewachsen, meine Eltern sprachen kaum Deutsch und besitzen keinen Schulabschluss. Das sind schon Umstände, die nicht so selbstverständlich sind, vor allem, wenn man merkt, was für Biografien andere Mitschüler haben. Da den Anschluss zu finden, bei normalen Gesprächen mitzuhalten, wenn es um Hobbys oder Freizeit ging, das war für mich eine Herausforderung. Teilhabe und Status kollidierten da in der Pubertät schon bisweilen“, erinnert sich Surenda. „Alleine war ich aber nicht und es fehlte mir auch nicht an Akzeptanz und Toleranz. Da kenne ich viele andere Geschichten“, erzählt er.

Einsatz für Bildungsgerechtigkeit

Für Surendra positiv einschneidend: die Aufnahme ins Schülerstipendienprogramm „Talent im Land – Bayern“ 2014. Die monatliche Finanzspritze entlastete nicht nur seine Eltern, sondern gibt dem Jugendlichen Freiraum, seine Interessen selbstbestimmter anzugehen. Mit dem ersten Semester wurde er schließlich Stipendiat der Studienstiftung und des Avicenna- Studienwerks.

„Ich habe erst in den vergangenen Jahren realisiert, was für ein Glück ich mit meinem Bildungsweg aus einem Haushalt ohne jeglichen akademischen Hintergrund und begrenzten finanziellen Mitteln hatte. Trotz aller Chancen und Möglichkeiten, die ich hatte, ist es eine Seltenheit und nahezu ein Privileg, dass ich einen solchen Weg aufweisen kann“, sagt Surendra. Ein Glück, das er inzwischen mit anderen teilt – 2017 hat er mit einem Freund das Aelius Förderwerk ins Leben gerufen, für das die Studienstiftung ihm den Engagementpreis 2020 verleiht.

Die Idee dahinter: Über die gezielte Förderung von Schülerinnen und Schülern aus Nichtakademikerhaushalten will Surendra einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland leisten – und setzt hier vor der Studienförderung der meisten Werke für Begabten- und Talentförderung an. „Warum mit der Förderung erst nach dem Abitur anfangen? Perspektivlosigkeit beginnt viel früher“, so Surendra. Deshalb beginnt das Aelius Förderwerk bereits in der Schulzeit mit Workshops und einem Mentoringprogramm ab 14 Jahren und unterstützt da, wo Familie und Freunde als Förderer und Vorbilder allein nicht ausreichen.

Die Kriegs- und Fluchterfahrungen seiner Eltern prägen bis heute sein Engagement und seine Sicht auf die Welt: Was zählt im Leben, welche Werte sind wichtig? „Für meine Eltern war Bildung immer der wichtigste Schlüssel zur Gesellschaft. Sie mussten erfahren, wie es ohne Bildung ist, in Deutschland einen Zugang zu finden – oder eben auch nicht“, sagt der 21-Jährige.

Zwischen den Welten

Aufgewachsen zwischen zwei Welten und verschiedenen Identitäten, sieht er sich heute vor allem als Weltbürger. Die „Was-ist-Heimat-Frage“ kann er nur schwer beantworten: „Ich kenne das Gefühl nicht, irgendwo aufgewachsen zu sein, wo ich sagen kann, das bin ich zu 100 Prozent, in dem Sinne, dass ich nicht auffallen würde. Wenn ich in Deutschland durch die Straßen laufe, falle ich sofort auf. Und wenn ich durch SriLankas Straßen laufe, weiß auch jeder, dass ich dort nicht aufgewachsen bin. Ich frage mich bis heute, wie es sich anfühlen würde, nicht aufzufallen.“

Natürlich sei die Beziehung zu Deutschland und Sri Lanka ausgeprägter als zu anderen Ländern, „aber ich finde es sehr einfach, ein Heimatgefühl auch woanders zu entwickeln“. So fühlte er sich während seines Auslandssemesters in Neuseeland gut aufgehoben, musste aber zugleich feststellen, „wie deutsch ich eigentlich bin“.

Ob er langfristig in der Molekularen Medizin bleibt, bezweifelt der junge Mann: „Ich würde gern meine Interessen ausleben, aber nicht in einer isolierten Welt. Ich hatte schon immer Angst davor, dass ich mich so verzettle, dass ich keinen Bezug mehr zur Gesellschaft habe.“ Momentan sei das Förderwerk Aelius sein Ausgleich: „Da habe ich die Möglichkeit, einen echten Unterschied zu machen, im Leben einer Vielzahl von Schülerinnen und Schülern einen positiven Anschub  zu leisten. Diesen Impact will ich beibehalten – ganz unabhängig davon, wohin die Reise mich führt.“

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Stand: Juni 2020