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Porträt

Aylin Karabulut

Migrations- und Ungleichheitsforschung

Universität Duisburg-Essen

Nach einem Lehramtsstudium Deutsch und Sozialwissenschaften, das Aylin Karabulut auch in die USA und nach Brasilien führte, machte sie 2018 ihren Master of Education mit Auszeichnung an der Universität Duisburg-Essen. Ihre Abschlussarbeit hat sie über Rassismuserfahrungen an deutschen Schulen geschrieben – und erreichte deutschlandweit Aufmerksamkeit. Die Ungleichheitsforscherin teilt ihre Perspektiven und wissenschaftlichen Erkenntnisse auch via Twitter (@_aylinkarabulut). Inzwischen arbeitet Karabulut an ihrer Promotion zum Thema „Schulische Rassismuskritik“.

Frau Karabulut, welches Vorbild hat Sie in Ihren Studienwünschen am stärksten beeinflusst?

In meiner Kindheit und Jugend hatte ich sehr lange keinen Zugang zu Vorbildern, in denen ich mich repräsentiert gesehen habe. Vielmehr haben mich die prekären Lebensrealitäten der Menschen aus meinem Umfeld in meinem akademischen und beruflichen Werdegang beeinflusst. Ich habe schon sehr früh mitbekommen, was es für Betroffene bedeutet, abgehängt zu sein und strukturelle Hürden aus eigener Kraft überwinden zu müssen.

Was hat das in Ihnen ausgelöst?

Dadurch entwickelte sich in mir ein sehr starkes Bedürfnis, gesellschaftliche Ungleichheitsmechanismen zu verstehen und durch mein berufliches Wirken dazu beizutragen diese Ungleichheiten – ganz besonders im Bildungssystem – abzubauen.

Gibt es besondere persönliche Umstände, die Ihre Schul- bzw. Studienzeit geprägt haben?

Meine Schulzeit und die ersten Semester meiner Studienzeit waren von vielen Ängsten und Existenzsorgen geprägt. Als Erstgeborene einer kurdisch-alevitischen Arbeiter*innenfamilie, in der niemand studiert hatte, war ich in vielen Bereichen die Erste in meinem Umfeld. Ich war die Erste, die ein Gymnasium besuchte, die Erste, die das Abitur erlangte und die Erste, die ein Studium absolvierte.

Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Meine angespannte Situation änderte sich, als ich dazu ermutigt wurde, mich um ein Stipendium zu bewerben und schließlich die Zusage für die Förderung bekam. Dadurch bekam ich einen enormen Motivationsschub, Selbstvertrauen in meine Fähigkeiten und fühlte mich sehr unterstützt.  Durch die materielle Förderung konnte ich meine Nachtschichtdienste in der Briefsortierung gegen eine Stelle als Hilfskraft in einem universitären Forschungsprojekt eintauschen. Mit meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft bei meiner jetzigen Doktormutter begann auch meine große Leidenschaft für wissenschaftliche Forschung. Diese Leidenschaft entwickelte sich im Laufe meiner Studienzeit dann zum Entschluss zu promovieren.

Wenn wir noch einmal auf Ihr Studium blicken – Sie haben Deutsch und Sozialwissenschaften auf Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen studiert – was hat hier den Ausschlag für die Fächerwahl gegeben?

Die Wahl meines Studiums erwuchs aus einer Herzensangelegenheit. Ich habe mich in meiner Jugend sehr intensiv mit Forschungsergebnissen zum deutschen Bildungssystem auseinandergesetzt. In diesem Rahmen wurde mir sehr deutlich, dass der Bildungserfolg von jungen Menschen in Deutschland maßgeblich von ihren Startbedingungen abhängig ist und tendenziell eher vorhandene Ungleichheiten verstärkt, anstatt Chancen und Aufstieg zu ermöglichen und zu fördern. Gleichzeitig vermitteln wir jedoch jungen Menschen ständig, dass alle dieselben Chancen hätten. Dieser Umstand hat mich sehr beschäftigt und so habe ich mich  dazu entschieden, mit einem Lehramtsstudium zum Abbau von (Bildungs-)Ungleichheiten beizutragen.

Gab es Personen oder Institutionen, die Sie bei der Studienwahl beraten oder unterstützt haben?

Bei meiner Studienwahl hatte ich keine Unterstützung – im Gegenteil, viel mehr noch wurde ich in meiner Wahl einige Male verunsichert, indem mir Berufsberater*innen und vereinzelt auch Lehrer*innen von einem Studium abgeraten haben. Es sei ein zu großes finanzielles Risiko und außerdem würde es meiner Herkunft eher entsprechen, eine Ausbildung zu absolvieren. Diese Ratschläge waren vielleicht  gut gemeint; trotzdem haben sie mich noch zusätzlich verunsichert. Ich habe mich letztlich diesen Ratschlägen und auch meinen eigenen Ängsten widersetzt und mich dafür entschieden, unnachgiebig zu sein und meinen eigenen Weg zu gehen.

Was würden Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung daher gerne Schülerinnen und Schülern mit Blick auf die Studienwahl raten?

Ich sage ihnen immer: Du kannst das! Ich empowere und berate unheimlich gerne Menschen und freue mich sehr, wenn ich neue Impulse und Perspektiven vermitteln kann. Unabhängig von den jeweiligen Zielen und Visionen bestärke ich Menschen immer, ihren eigenen ganz individuellen Weg zu gehen und ihre eigene Geschichte zu schreiben. Kein Weg ist wie der andere und jeder Lebens- und Berufsweg ist individuell. In meiner Arbeit merke ich, dass junge Menschen, die strukturell benachteiligt sind, besonders häufig und besonders stark an sich zweifeln und sich viele Dinge nicht zutrauen – obwohl sie könnten. Aus diesem Grund ist meine zentrale Message immer: Du kannst das! Ich glaube an dich!

Ungleichheitserfahrung im Bildungssystem war, wie Sie schildern, also ein Antrieb für Ihre Studienwahl. In Ihrer Masterarbeit haben Sie sich dann mit Rassismuserfahrungen in der Schule beschäftigt. Wie kam es zu dieser Themenwahl?

Es gibt in Deutschland eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, die institutionelle Diskriminierung entlang der Differenzlinie des sozioökonomischen Hintergrunds in den Blick nehmen. Wir haben einen sehr breiten Diskurs darüber, dass junge Menschen aus Nicht-Akademiker*innenfamilien strukturell benachteiligt sind. Diese Forschung ist unglaublich wichtig und bildungspolitisch sehr drängend.

Gleichzeitig gibt es diesen Diskurs für institutionellen Rassismus im Bildungssystem innerhalb der Erziehungswissenschaften noch kaum – obwohl Forschungsergebnisse darauf hinweisen, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund beispielsweise seltener das Gymnasium besuchen und bei gleichen Leistungen schlechter bewertet werden. Ich war irritiert von diesem Verhältnis und habe mich gefragt, warum die Perspektive von Schüler*innen, die von institutionellem Rassismus betroffenen sind, nicht präsenter in den Fokus der Bildungsforschung gerückt wird. Meine Forschungsfrage entstand daher aus dem Antrieb, die Perspektiven und Erfahrungen dieser Jugendlichen in den Blick zu nehmen.

Welche Fragen standen dabei im Mittelpunkt?

Meine zentralen Fragen waren: Welche rassismusrelevanten Erfahrungen machen Schüler*innen mit Migrationshintergrund in schulischen Institutionen? Welche Arten des Umgangs mit diesen Erfahrungen werden deutlich?

Wie sind Sie vorgegangen?

Für meine Forschung habe ich mit Gruppen von fünf bis sechs Schüler*innen mit Migrationshintergrund an unterschiedlichen Schulformen, Schulstandorttypen und Jahrgangsstufen gesprochen und sie nach ihren schulischen Erfahrungen gefragt. Im Anschluss habe ich alle Gruppendiskussionen transkribiert, aufgearbeitet und im Rahmen qualitativer Sozialforschung mit der Dokumentarischen Methode kontrastierend rekonstruiert. Sobald die Arbeit veröffentlicht ist, können Interessierte hier natürlich die ausführliche wissenschaftliche Perspektive nachlesen.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gelangt?

Die Arbeit hat eine Vielzahl von Ergebnissen hervorgebracht, die für die weitere Erforschung von Bildungsungleichheit und institutionellem Rassismus im deutschen Bildungssystem sehr relevant sind. Einige Kernergebnisse sind: Rassismuserfahrungen sind Bestandteil der schulischen und außerschulischen Erfahrungswelt von Schüler*innen mit Migrationshintergrund. Besonders relevant sind die schulischen Rassismuserfahrungen, da sie eine herausgehobene biographische Bedeutung für die jungen Menschen aufweisen. Die schulischen Rassismuserfahrungen werden institutionell durch Lehrpersonen (re)produziert, indem Zugehörigkeiten immer wieder in Frage gestellt, zurückgewiesen oder negiert werden und mit Benachteiligungen verknüpft sind. Bezeichnend war zudem, dass die betreffenden Schüler*innen nicht mehr als Individuen und Subjekte wahrgenommen wurden. Vielmehr wurden sie in ihren schulischen Erfahrungen als negativ konnotierte Objekte einer Gruppe gesehen, die als fremd und defizitär konstruiert werden.

Wozu führen diese Erfahrungen Ihrer Arbeit nach bei den Schüler*innen?

Diese Rassismen führen zu Gefühlen von Ohnmacht, Wut und Verzweiflung bei den betroffenen Schüler*innen, die jedoch kaum bearbeitet werden können, da hierfür keine Bildungsräume und Strukturen vorgesehen sind.  Durch das Abhängigkeitsverhältnis zu den Lehrpersonen, die durch ihre Beurteilungen über den weiteren Lebensweg von jungen Menschen entscheiden, wird das Ansprechen erschwert und die Aufarbeitung von Rassismuserfahrungen durch das Fehlen einer unabhängigen Antidiskriminierungsstelle für Schulen weiterhin verschärft. Letztlich führt das dazu,  dass institutioneller Rassismus im Bildungssystem fortgeschrieben wird. 

Was hat Sie besonders überrascht oder auch berührt?

Die Erfahrungen der Schüler*innen mit institutionellem Rassismus in Schulen haben mich leider nicht überrascht. Was für mich aber sehr ergreifend war: Junge Menschen, die sehr schmerzhafte und traumatisierende Erfahrungen erleben mussten, haben mir ihr Vertrauen geschenkt und mich an ihren Geschichten teilhaben lassen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich und sehr besonders. Viele von ihnen sind nach den Gruppendiskussionen auf mich zugekommen und haben sich bei mir dafür bedankt, dass ich ihnen zugehört habe und teilten mir mit, dass sie sich mit ihren Erfahrungen zum ersten Mal wirklich gesehen und ernst genommen gefühlt haben. Das hat mich zutiefst berührt.

Worüber denken Sie heute noch nach?

Ich bin noch heute sehr ergriffen, wenn ich an die Ohnmacht, die Wut und den Schmerz dieser jungen Menschen denke. Seit ich mit meiner Forschung sichtbar bin, erhalte ich viele Nachrichten von Menschen, die mir mitteilen, wie wichtig sie meine Arbeit finden und mir von ihren eigenen schulischen Rassismuserfahrungen erzählen. Junge Menschen machen in Deutschland Rassismuserfahrungen in einer Bildungsinstitution, die den Staat repräsentiert, in der sie eigentlich geschützt und unterstützt werden sollten. Ich halte den aktuellen Zustand für nicht tragbar und denke ständig darüber nach, wie wir den nachkommenden Generationen ein gerechtes Aufwachsen ohne Rassismus ermöglichen können.

Welche Schlüsse erlaubt denn hier Ihre Arbeit  für die (Schul-)Praxis?

Eine Menge! Allesamt verlangen nach tiefgreifenden Veränderungen auf der strukturellen Ebene, um die Situation fundamental und nachhaltig zu verbessern. Einerseits wurde deutlich, dass es eine systematische und diskriminierungskritische Sensibilisierung von Bildungsinstitutionen braucht. So wurde aus meiner Forschung heraus die Notwendigkeit deutlich, unabhängige Antidiskriminierungsstellen in allen Bundesländern einzurichten. Bisher ist Berlin das einzige Bundesland, das eine unabhängige Antidiskriminierungsstelle für Schulen geschaffen hat. Wir brauchen diese Stelle jedoch dringend in allen Bundesländern Deutschlands, um institutionelle Diskriminierungen in Schulen zu erfassen, Betroffene zu unterstützen und zu begleiten und Bildungsinstitutionen für die Relevanz dieser Themen zu sensibilisieren.

Und was ergibt sich wiederum konkret für die Lehramtsausbildung?

Hier erscheint mir die feste Verankerung von Modulen der (institutionellen) Diskriminierungskritik im Lehramtsstudium genauso elementar wie die Implementierung von Weiterbildungsformaten für Lehrer*innen, um (angehende) Lehrkräfte für einen professionellen Umgang mit institutionellen Diskriminierungsmechanismen auszubilden. Indem Pädagoginnen und Pädagogen  Räume erhalten, um eigene stereotype Denkweisen und Privilegien zu reflektieren und zu bearbeiten, können sie sich diskriminierungskritisch professionalisieren und einen pädagogisch wertvollen und inklusiven Umgang mit Diversität in den Klassenzimmern etablieren.

Die mediale Resonanz auf ihre Arbeit war groß. Was bedeutet das für Ihre Forschung bzw. für Sie?

Für mein Forschungsthema bedeutet das in erster Linie eine erhöhte Sichtbarkeit. Das mediale Interesse und Feedback kam insbesondere durch die Verleihung des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Forschung, mit dem meine Masterarbeit ausgezeichnet wurde. Ich habe unzählige Glückwünsche und Nachrichten von vielen Menschen bekommen, die sich für meine Arbeit bedankt haben. Ich freue mich sehr, dass ich durch meine Arbeit wichtige Themen wie Bildungsungleichheit und institutionellen Rassismus in öffentliche Diskurse bringen kann. Gleichzeitig werde ich als Frau und Wissenschaftlerin of color durch meine Sichtbarkeit auch zu einer Zielscheibe. Ich erhalte ständig eine Vielzahl von Hassnachrichten und persönlichen Anfeindungen. Viele Menschen aus meinem engsten Umfeld machen sich seitdem verstärkt Sorgen um mich und um meine Sicherheit. Einen guten Umgang damit zu finden ist auch für mich immer wieder eine Herausforderung.

Wurden Sie auch von Schulen eingeladen, die Ergebnisse zu diskutieren?

Ich freue mich sehr, dass ich sehr viele Anfragen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bildungseinrichtungen bekomme – darunter auch Schulen. Es signalisiert Interesse an Weiterentwicklung und Motivation für Transformationsprozesse. Leider habe ich nicht genügend Zeit, um jeder Einladung nachzukommen. Daher versuche ich verstärkt mit Multiplikator*innen zu arbeiten, die anschließend diese Ergebnisse und Erkenntnisse in ihre Arbeitskontexte und ihr Kollegium tragen. Die bereits existierenden Bildungsformate sind dafür sehr wichtig. Für ganzheitliche und langfristige Veränderungen werden aber mehr Förderungen und strukturell verankerte (Weiter-)Bildungsangebote für (angehende) Lehrer*innen im Bereich der institutionellen Diskriminierungs- und Rassismuskritik benötigt.

Sie selbst sind aktive Twitterin – wie nutzen Sie den Kanal und welchen Mehrwert sehen Sie hier insbesondere mit Blick auf Ihre Arbeit als Wissenschaftlerin?

Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, als Wissenschaftlerin im Bereich Rassismus- und Bildungsungleichheitsforschung digital sichtbar zu sein. Auf diese Weise kann ich einerseits Menschen außerhalb der akademischen Sphäre barrierefrei(er) für meine Forschungsthemen erreichen. Ich sehe eine Notwendigkeit darin, dass mehr Wissenschaftler*innen aktuelle Diskurse mitgestalten und öffentlich sichtbar sind. An Universitäten werden sehr spannende und auch gesellschaftlich relevante Phänomene erforscht. Gleichzeitig sind Universitäten bisher nicht sehr gut darin, dieses Wissen auch einer breiteren Gruppe zu übersetzen und außerhalb der akademischen Sphäre zugänglich zu machen.

Sichtbarkeit ist mir aber auch noch auf der Diversity-Ebene wichtig: Universitäre Forschung ist immer noch stark von privilegierten Personen besetzt. Es gibt aber auch immer mehr Wissenschaftler*innen, die aus benachteiligten Verhältnissen stammen. Durch meine digitale Sichtbarkeit haben sich schon sehr viele junge Frauen aus ähnlichen Lebensrealitäten empowert gefühlt, auch eine wissenschaftliche Karriere anzustreben und dieses Ziel zu verfolgen. Wir brauchen diese Diversität und neuen Perspektiven sehr dringend in der Wissenschaft.

Inzwischen promovieren Sie auch zum Thema „Schulische Rassismuskritik“. Inwiefern setzen Sie mit der Promotion Ihre in der Masterarbeit begonnene Forschung fort?

In meiner Promotion gehe ich auf der Grundlage der Masterarbeit einen Schritt weiter und erforsche die rassismusrelevanten Diskurse an Schulen. Dafür betreibe ich intensive Feldforschung an vielen unterschiedlichen Schulen und spreche insbesondere mit pädagogischen Professionellen und beobachte das Geschehen im Schulalltag. Mit meiner Promotion möchte ich ein gesellschaftlich sehr relevantes Forschungsthema im Bildungsbereich voranbringen und gleichzeitig einen Mehrwert zur Verbesserung der Praxis leisten.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer Promotion, was möchten Sie persönlich und fachlich bewegen?

Mein Ziel ist es, einen Beitrag für die Wertschätzung und Anerkennung von Diversität zu schaffen und strukturelle sowie institutionelle Diskriminierungen zu reduzieren. Dafür möchte ich Inklusionsprozesse vorantreiben und möglichst viele Menschen empowern. Für mich geht es daher primär darum, meinem Anspruch gerecht zu werden und einen Mehrwert zu schaffen und weniger darum, eine spezifische Position zu besetzen. Auch wenn ich mir eine Zukunft als Professorin durchaus vorstellen kann, finde ich auch außeruniversitäre Möglichkeiten sehr spannend.

Eben haben wir über die Bedeutung von Sichtbarkeit und Role Models in der Wissenschaft gesprochen, und darüber, dass Ihnen lange Zeit die Vorbilder fehlten, um sich über Studienmöglichkeiten auszutauschen. Wie war es bei Ihnen mit Blick auf die Studienfinanzierung und Stipendien: Wann haben Sie das erste Mal von der Studienstiftung gehört?

Ich habe bereits in meiner Schulzeit von der Studienstiftung gehört. Zu dieser Zeit hätte ich mir eine Bewerbung, trotz überdurchschnittlicher Leistungen und starkem gesellschaftlichen Engagement, nie zugetraut. Ich hatte das Gefühl, dass ich unter keinen Umständen den Anforderungen genügen könnte und sicherlich auch nicht in diesen Kontext reinpassen würde. Stipendiatin der Studienstiftung werden zu können, erschien mir für eine Person wie mich utopisch. Aus diesem Grund habe ich mich nach meinem Abitur nicht beworben, da ich mich schlichtweg nicht getraut habe.

Während Ihres Studiums wurden Sie dann von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert und haben sich nach Ihrem Masterabschluss schließlich für ein Promotionsstipendium  der Studienstiftung beworben. Wie haben Sie das Auswahlverfahren wahrgenommen?

Ich habe mich für meine Promotion parallel bei drei großen Begabtenförderungswerken beworben. Ich war ehrlich erstaunt davon, dass das Auswahlverfahren bei der Studienstiftung für mich, im Vergleich zu den anderen Förderwerken, sehr barrierearm und unkompliziert war. Besonders das persönliche Gespräch habe ich als sehr interessiert und wertschätzend wahrgenommen und habe mich sehr gefreut, dass die Schwerpunkte sowohl auf meiner akademischen Laufbahn, meinem Engagement als auch auf meinem persönlichen Werdegang lagen.

Was sagen oder raten Sie anderen Bewerberinnen und Bewerbern mit Blick auf eine Bewerbung oder das Auswahlverfahren?

Brennt für etwas und erzählt eure persönliche Geschichte! Neben euren Leistungen liegt der Fokus auf eurer einzigartigen Persönlichkeit. Die Hürden, die ihr überwinden musstet, eure Leidenschaften und die Dinge, die euch wirklich von ganzem Herzen begeistern – das sind die Dinge, die euch und euren Weg einzigartig machen. Traut euch offen zu sein und eure einzigartige Lebensgeschichte zu erzählen.

Was bedeutet es für Sie, Stipendiatin der Studienstiftung zu sein?

Promotionsstipendiatin der Studienstiftung zu sein bedeutet für mich ein großes Privileg. Auf der einen Seite bedeutet dieses Privileg für mich, noch mehr gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und durch mein Wirken die Vision eines gleichberechtigten Zusammenlebens in einer pluralen Gesellschaft voranzutreiben. Auf der anderen Seite habe ich durch das Stipendium das unglaublich große Privileg, sehr viel Raum für meine Forschung zu haben und gleichzeitig auf ein starkes Netzwerk von spannenden Persönlichkeiten zählen zu können.

In der Studienstiftung treffen Sie zu verschiedenen Anlässen auf ganz unterschiedliche Menschen. Welche Erfahrungen haben sie dabei gemacht?

Ich baue leidenschaftlich gerne Brücken und vernetze Ideen, Menschen und Projekte, indem ich Synergieeffekte schaffe und neue Perspektiven aufzeige und den Blick für neue Perspektiven öffne. Die Studienstiftung ist für mich daher ein sehr spannender Ort, an dem unterschiedliche Menschen zusammentreffen und Räume eröffnet werden, um subversive Diskurse mitzugestalten und neue Impulse einzubringen. Das ist nicht immer reibungslos, aber immer spannend!

Haben Sie Tipps für andere Studierende, die sich für die Studienstiftung interessieren?

Bewerbt euch! Ganz besonders, wenn ihr denkt, dass ihr nicht in die Studienstiftung „reinpasst“. Genau diese Gedanken hatte ich auch. Aber ihr passt genauso gut rein wie andere auch. Eure einzigartigen und diversen Perspektiven werden dringend gebraucht!

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Stand: April 2020