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Stipendiatinnen und Stipendiaten / 

Porträt

Jana Schulz

© Jana Schulz

Fotografie

Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Jana Schulz studiert Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Anfang 2018 hat sie als Stipendiatin in der Künstlerresidenz Villa Aurora in Los Angeles gelebt. Ein Gespräch über das Boxen und ihre Erfahrungen in Los Angeles.

Frau Schulz, woran haben Sie gearbeitet?

Ich habe an einem Video über junge Boxer aus East Los Angeles gearbeitet. Das Boxen genießt hier einen hohen Stellenwert, besonders unter mexikanischen Amerikanern. Ich sehe das Boxen als eine Art Gemeinschaftsritual, junge Männer trainieren in kleinen Gruppen und sind als Sparringspartner körperlich eng verbunden. Mich interessiert ihr Zusammenschluss als Abgrenzung von ihrer Umgebung. Hierin zeigt sich ihr Wunsch, sich aus der Masse hervorzuheben und etwas Besonders zu werden. Der französische Soziologe Loic Wacquant schreibt in seinem Buch Leben für den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto, dass die Trainingshalle einer Entbanalisierung des Alltags gleicht. Mittels Trainingsroutine und Körpermodellierung bietet sie Zugang zu einer anderen Welt, in der sich Abenteuer, männliche Ehre und Prestige mischen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Meine Anlaufstelle waren zwei Boxclubs in East Los Angeles, die Capetillo Boxing Academy und der Maywood Boxing Club. Hier habe ich meine Protagonisten kennengelernt und regelmäßig getroffen. Mein Fokus lag allerdings nicht auf dem Training im gym, sondern auf dem, was außerhalb davon geschah: das Lauftraining auf der Straße, ihre Wettkämpfe in Mexiko, die Ruhephasen zu Hause, ein Friseurbesuch. Der Boxclub ist ein Ort, an dem der Boxer seine Aufmerksamkeit auf den Trainer richten muss. Außerhalb des Trainings nahmen der Umgang mit mir und der Kamera einen größeren Raum ein. Gleichzeitig wollte ich wissen, wie der boxerische Habitus in den Körper eingeschrieben ist und sich in alltäglichen Momenten äußert.

Zu welchen Erkenntnissen bzw. Ergebnissen sind Sie gelangt?

Ich war weniger an bestimmten Erkenntnissen interessiert als an einem Prozess der Annäherung. Dabei ging es um das Verhältnis von Fremdheit und Nähe, das zwischen mir und den Boxern entstand, und um meinen weiblichen Blick auf die ausschließlich männlichen Protagonisten. Ich beobachtete die Art und Weise, wie sie sich in ihrem Umfeld vor der Kamera inszenierten. Die Orte wurden zu ihren Bühnen.

Was war Ihr persönliches Highlight?

Es gab einen Moment, der sehr absurd und dadurch besonders war. Ich hatte bereits in Berlin eine Gruppe junger Boxer gefilmt und sie zu Vergleichskämpfen in die türkische Stadt Igdir begleitet. Als ich eines Morgens in den Maywood Boxing Club kam, stand einer der Berliner Boxer vor mir. Er hielt sich für den Dreh eines Musikvideos in L.A. auf und war aufgrund einer persönlichen Empfehlung für ein Sparring in diesen Club gekommen. Kurz nach unserem Treffen ging sein Flug zurück nach Berlin.

Welches Utensil durfte auf keinen Fall fehlen?

Die TAP Card, eine elektronische Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Mein Hauptarbeitsplatz lag im Osten der Stadt, der Fahrweg betrug zweieinhalb Stunden. Zu Beginn war es eine Sightseeingtour, dann bekam es etwas Meditatives. Gleichzeitig habe ich durch das Nutzen der öffentlichen Verkehrsmittel ein anderes Gesicht der Stadt mitbekommen. In dem Film Los Angeles Plays Itself erzählt Thom Andersen von dieser zweiten Realität. Er bezieht sich dabei auf die Lebenswirklichkeit jener Menschen, die sich mit den Bussen durch die Stadt bewegen. In der Regel kauft sich hier jeder ein Auto, der es sich leisten kann.

Wie hat Los Angeles Sie und Ihr Projekt beeinflusst?

Wichtige Impulse haben mir drei Filme über die Black Panther- und Black Power-Bewegung gegeben, die ich im L.A. Filmforum gesehen habe, außerdem der Dokumentarfilm Triumph, The Untold Story of Perry Wallace von Rich Gentile, der die Geschichte des ersten schwarzen SEC-Basketballspielers im Süden der USA in den 1960ern erzählt – und nicht zuletzt die Ausstellung we still here, there der amerikanischen Künstlerin Lauren Halsey im MOCA, die sich mit ihrer Wohngegend South Central auseinandersetzt, in der fast nur Afroamerikaner leben, die jedoch sukzessive aus ihrem Viertel verdrängt werden.

Wie würden Sie die Atmosphäre in der Villa Aurora beschreiben?

Die Villa hat einen fantastischen Rückzugsraum zum Lesen und Recherchieren geboten und es lebte sich wie in einer großen WG. Die Leute hier erzählen sich, dass Marta Feuchtwanger jeden Tag ans Meer gegangen ist; wir haben es ihr gleich getan. Zusammen mit der Komponistin Oxana Omelchuk bin ich morgens im Meer geschwommen.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Aktuell sichte und schneide ich das Filmmaterial und arbeite an einer Soundebene. Der Arbeits- titel ist The Golden Boys. Er leitet sich von Golden Boy Promotion ab. Sie nehmen junge Boxer unter Vertrag und organisieren die monatlichen Boxkämpfe LA Fight Club. Der Film wird Teil des Abschlusses meines Meisterschülerstudiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im September 2018 sein.

Stand: Mai 2018

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