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Porträt

Merve Karahisarlioglu

Zahnmedizin

Universität Düsseldorf

Merve Karahisarlioglu will nicht einfach nur Zahnärztin werden. Mit fachlichem Wissen und außerordentlichem sozialem Engagement möchte sie etwas für unsere Gesellschaft tun.

 

Wer sich mit Merve Karahisarlioglu (20) unterhält, spürt rasch, wie begeistert sie von ihrem Fach ist. Sie studiert im siebten Semester Zahnmedizin an der Universität Düsseldorf. „Ich habe mich für das entschieden, wofür mein Herz schlägt“, sagt sie. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich Menschen ein neues Lebensgefühl geben kann, weil sie nach einer Behandlung wieder richtig kauen, sprechen oder lächeln können, macht mich das glücklich.“

Bis Merve Karahisarlioglu soweit ist, ist es aber noch ein hartes Stück Arbeit. Das elfsemestrige Zahnmedizinstudium gilt laut Studierendensurvey 2014 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) als einer der zeit- und arbeitsintensivsten Studiengänge. Die ersten fünf Semester des Studiums entfallen auf die sogenannte Vorklinik. Darin werden vor allem naturwissenschaftliche Grundlagen in Biologie, Chemie, Physik, Anatomie, Physiologie und Biochemie vermittelt, ganz ähnlich wie in der Humanmedizin.

Parallel dazu beginnt die zahnärztliche Grundausbildung in den praktischen Kursen. Die Studierenden arbeiten an Kunststoffzähnen und Gebissmodellen und fertigen Kronen auf präparierten Zähnen an. Auf diese Weise können sie bereits früh testen, ob sie die handwerklichen Fähigkeiten mitbringen, die für das spätere Berufsleben unerlässlich sind.

„Die Anforderungen und der Leistungsdruck in den praktischen Kursen sind sehr hoch“, findet Merve Karahisarlioglu: „Ich rate Studienanfängern, von Anfang an eine große Frustrationstoleranz aufzubauen. Es ist völlig normal, Fehlversuche im Labor zu erleben, wenn man zuvor keine fachbezogene Ausbildung absolviert hat. Wichtig ist, niemals seine Ängste siegen zu lassen und sich gegenseitig im Studium zu unterstützen.“

Merve Karahisarlioglu  hat inzwischen die Vorklinik mit dem Physikum erfolgreich abgeschlossen. Seitdem behandelt sie echte lebende Patientinnen und Patienten im Studentenkurs – ein Kontakt, auf den sie hingefiebert hat. Es sind gerade die zahntechnischen Arbeiten, die es ihr angetan haben. „Diese filigrane, fast schon künstlerisch anmutende Arbeit fasziniert mich. Ich kann mich stundenlang damit beschäftigen, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht.“

Außerdem arbeitet Merve Karahisarlioglu ehrenamtlich als Tutorin und Vorpräparantin in verschiedenen praktischen Kursen. „Ich finde es toll, neue Leute kennenzulernen, sie auf ihrem Weg zu motivieren und mich fachlich auszutauschen.“

Im Einsatz für andere Menschen

Merve Karahisarlioglu ist es wichtig, ihre Stärken nicht nur für das eigene Fortkommen einzusetzen. „Die Ziele der Zahnmedizinstudierenden variieren stark. Einige werden Zahnarzt, um die Praxis der Eltern zu übernehmen, andere um schon mit Mitte 30 den eigenen Porsche zu fahren. Ich wiederum möchte nicht nur Zahnärztin, sondern ein Mensch für die Gesellschaft werden.“

Konkret heißt das für sie: Seit dem Abitur engagiert sie sich zum Beispiel an ihrer ehemaligen Schule. Dort berät sie Schülerinnen und Schüler nach dem Abitur bei der Entscheidung für oder gegen ein Studium, bei der Studienwahl, in Fragen von Bewerbung und Zulassung sowie bei der Vorbereitung auf den erfolgreichen Studienstart. Außerdem unterstützt und unterrichtet sie Flüchtlingskinder einer Integrationsklasse.

Zahnärztin in der Notschlafstelle der Caritas

Inzwischen hat Merve Karahisarlioglu auch ein gesellschaftliches Engagement, bei welchem sie ihre fachlichen Fähigkeiten als angehende Zahnmedizinerin einbringen kann. In einer Notschlafstelle behandelt sie unter anderem Obdachlose und Drogenabhängige. „Denti-vor-Ort“ nennt sich das Angebot, getragen von Caritas und Diakonie. Sie  besucht die Einrichtung in der Krefelder Innenstadt und assistiert bei der kostenlosen zahnmedizinischen Versorgung der Bedürftigen.

Den eigenen Namen müssen die Patienten dort nicht unbedingt angeben. „Das hilft, schließlich haben viele dort Hepatitis und trauen sich nicht, in normale Praxen zu gehen, weil sie glauben, dass sie da nicht behandelt werden. Außerdem passt ein Zahnarztbesuch meist nicht in ihre Tagesstruktur rein“, erzählt Merve Karahisarlioglu.

Zusammen mit den anderen ehrenamtlich arbeitenden Zahnärzten leistet Merve Karahisarlioglu eine Akut- und Notfallbehandlung. Oft müssen Zähne gezogen werden. Häufig benötigen die Patienten zunächst aber nur eine Beratung – wenn es zum Beispiel darum geht, den Zahnstand zu erneuern.

Wichtig für die Arbeit sind Empathie und klare Ansagen. So verlassen die Patienten die Behandlung in der Regel zufrieden und erleichtert, was wiederum Merve Karahisarlioglu glücklich stimmt. „Die Patienten sind lieb und offen. Deshalb freue ich mich über jede Behandlung: nicht nur über den medizinischen Erfolg, sondern auch die Dankbarkeit. Letztlich war das der Grund, warum ich mich für die Zahnmedizin entschieden habe.“

Außerdem habe ihr das Arbeiten in der Notfalleinrichtung ganz neue Seiten ihrer selbst und ihrer Arbeit vermittelt: „Es sind nicht nur fachliche Kompetenzen, die ich hier erwerbe, sondern auch soziale. Ich kann nicht verleugnen, dass ich die Sache anfangs mit Vorurteilen angegangen bin. Doch dann wurde mir klar: Der Patient ist und bleibt ein Mensch dem zu helfen ist, unabhängig davon, wie er sein Leben führt.“

Stand: Oktober 2017