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Porträt

Maximilian Oehl

Jura

Universität zu Köln

Wenn Maximilian Oehl Erste Hilfe leistet, fließt kein Blut, und die Wunden, die er in seiner Sprechstunde verarztet, sind fürs Auge nicht zu erkennen: Oehl leitet die Kölner Refugee Law Clinic, in der Migranten, vor allem Asylbewerber und Flüchtlinge, kostenlose Rechtsberatung erhalten. Für seinen Einsatz hat der Jurist den Engagementpreis 2015 der Studienstiftung erhalten.

Er wolle etwas von dem zurückgeben, was ihm das Studium sowie das Stipendium der Studienstiftung geboten hatte, sagt der 26-Jährige: „Zeit, Energie, Wissen“. Deshalb machte sich Oehl Ende 2012 auf die Suche nach einer ehrenamtlichen Initiative, wo er all das hineinstecken könnte und fand die „Law Clinics“.

Die Idee, dass hier bereits Jura-Studierende rechtlichen Beistand üben, kommt aus den USA und ist in Deutschland eine noch recht junge Erscheinung. Erst 2007 fiel hier das Verbot für Laien Rechtsberatung anzubieten. Kurz darauf entstanden die ersten Law Clinics, die ganz unterschiedliche Rechtsbereiche, vom Asylrecht bis zu Social Media, abdecken. Als Stipendiat kam Oehl bei einem Kolleg der Studienstiftung mit der Law Clinic in Gießen in Kontakt, die ihn für die Neugründung in Köln inspirierte.

Menschen helfen, die alles aufgegeben haben

Für Maximilian Oehl war klar, dass auch die Kölner Law Clinic das Recht von Migranten vertreten sollte. „Direkt nach dem Abitur bin ich für einen Freiwilligendienst nach Ghana gegangen und habe dort viele Menschen kennengelernt, für die Europa einem großen Versprechen, einer Hoffnung gleichkam“, fasst Oehl den Perspektivwechsel zusammen. Für den Juristen hieß das auch in Konsequenz, der Frage „Was, wenn ich nicht hier, sondern in politischer oder wirtschaftlicher Unsicherheit geboren worden wäre?“ mit Engagement zu begegnen.

In der Refugee Law Clinic sitzt Oehl nun regelmäßig Menschen gegenüber, die alles aufgegeben haben, um nach Europa zu kommen. Ihnen rechtlich beizustehen und womöglich die Grundlage zu sichern, hierzubleiben, ist das wesentliche Ziel der Kölner Law Clinic.

Zeit nehmen, um zuzuhören und aufzuklären

Wöchentlich bietet die Initiative in einem Kölner Flüchtlingsheim ihre Sprechstunde an. Die ehrenamtlich engagierten Studenten begleiten und beraten ihre Mandanten bei Behördengängen, bereiten die Anhörungen in Asylverfahren vor, kümmern sich um Fragen der Unterbringung oder bemühen sich um die Zusammenführung von Angehörigen, die über ganz Deutschland verteilt untergebracht sind.

Der Beratungsalltag sei dabei häufig zäh und frustrierend, viele Fälle ziehen sich über Monate. „Natürlich ist es das schönste, wenn wir einem Menschen helfen können, hier zu bleiben“, sagt Oehl. „Manchmal ist es aber auch einfach nur wichtig, sich Zeit zu nehmen, die Rechtsgrundlagen zu erklären oder zuzuhören.“ Bei ihrer Anhörung bleiben den Mandaten bisweilen lediglich zwei bis drei Minuten für ihre oft jahrelange Fluchtgeschichte. Mit ihrer Arbeit wollen Oehl und seine Mitstreiter „diesen bürokratischen Mechanismus um einen menschlichen Faktor ergänzen“.

Anfang als studentisches Projekt

„Wir sind inzwischen völlig überlastet und müssen alle nicht-juristischen Fälle, wie etwa die Hilfe bei schwieriger Wohnungssuche abgeben“, erklärt Oehl. Dabei bedurfte es zu Beginn einer Menge Überzeugungsarbeit: Anders als etwa in Gießen ist die Kölner Law Clinic ein rein studentisches Projekt, von dem Professoren, Anwälte aber auch die bereits etablierten karitativen Einrichtungen in Köln erst überzeugt werden mussten.

Der Einsatz hat sich gelohnt: Die Law Clinic kann auf einen festen Kreis an Experten zurückgreifen, die die Studenten bei schwierigen Fällen weiter beraten oder die Mandate übernehmen, wenn es zur Verhandlung kommt. Aus den 13 Mitgliedern, mit denen die Law Clinic Anfang 2013 startete, sind inzwischen über 200 geworden, rund 70 von ihnen sind in der Beratung aktiv. 

Erfolgsgeschichte mit Vorbildcharakter

Nach knapp zwei Jahren Laufzeit hat die Kölner Law Clinic selbst Vorbildcharakter: In Leipzig, Berlin, München und Heidelberg sind neue Law Clinics entstanden, weitere Hochschulen haben bereits Interesse angemeldet. Das nächste Ziel von Maximilian Oehl ist es deshalb, das von ihm initiierte bundesweite Netzwerk der Law Clinics („Refugee Law Clinic Network“) als festes Austauschforum zu etablieren. Im August 2014 organisierte er ein erstes Treffen. „Viele der juristischen Herausforderungen im Asyl- und Ausländerrecht lassen sich nur länderübergreifend und strukturiert anpacken, deshalb brauchen wir dieses bundesweite Gremium“, erklärt Oehl seine Motivation.

Den Blick für die großen Zusammenhänge bewies er bereits bei seiner Studienwahl: Jura gebe ihm die Möglichkeit, nicht nur punktuell etwas zu verändern, sondern Strukturen aufzubrechen und gestalten. Mit dem Engagementpreis 2015 zeichnet die Studienstiftung genau dieses vernetzte Denken und Handeln aus. Das Preisgeld will Oehl dafür nutzen, das Bundesnetzwerk zu festigen und das Weiterbildungsangebot der Kölner Refugee Law Clinic weiter auszubauen.

Stand: November 2014

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