Porträt

Christoph Kling

Rechtswissenschaften

Universität Mannheim

Der Johannes Zilkens-Promotionspreis für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften geht an Christoph Kling für seine Dissertation zur Entwicklung, Praxis sowie zum Scheitern des preußisch-deutschen Konkursrechts von 1825 bis 1998.

Der Vielseitige

Es gibt Menschen, die schon als Kind ihre Liebe und ihr Talent für eine Fähigkeit entdecken: Die bereits als Achtjährige freudig Quadratwurzeln ziehen, Lieder komponieren oder stundenlang Vögel in der Natur beobachten, für die es völlig außer Frage steht, dass sie sich in diesem einen Fach spezialisieren und ihre Leidenschaft eines Tages zum Beruf machen wollen.

Christoph Kling gehört nicht dazu. Nicht etwa, weil ihm Talent oder Leidenschaft fehlen, sondern weil der gebürtige Wormser derart vielseitig begabt und interessiert ist, dass ihm die Entscheidung für etwas nicht immer ganz leicht fällt – er hat gewissermaßen die Qual der Wahl: „Schon in der Schulzeit habe ich mich für viele Fächer interessiert – und ja, das Lernen ist mir immer eher leicht gefallen“, erzählt der 34-jährige Jurist. Geschichte, Informatik, Chemie oder Jura standen auf seiner Studiums-Wunschliste – zweifelsohne ein bunter Themenstrauß. Zum Ende der Schulzeit vertieft der junge Mann sein Wissen in Chemie und wird schon aus der Schule heraus für ein Stipendium der Studienstiftung vorgeschlagen.

Zu enger Blick

Und so beginnt er 2006 an der Universität Mainz Chemie zu studieren, wird im zweiten Semester von der Studienstiftung aufgenommen und saugt das Wissen aus seinem universitären Umfeld förmlich auf. „Trotzdem beschlich mich irgendwann das Gefühl, dass ich ein Fach studieren will, in dem ich meine Interessen für Sprache, Geschichte, Philosophie und Politik besser unterbringen und bündeln kann“, erzählt der Studienstiftler. Damals habe er die Chemie als einengend empfunden. „Rückblickend muss ich das aber klar revidieren. Ich bin überzeugt davon, dass man in jedem Studium seine Interessen unterbringen kann. Damals war mein Blick nur zu eng.“

Und so wechselt Kling im dritten Semester das Studienfach: Aus dem Naturwissenschaftler wird ein angehender Jurist. Bereut hat er diesen Schritt nie: „Es war kein falscher Weg, aber eben auch nicht der einzige. Die drei Semester Chemie haben in jedem Fall meinen Horizont sehr erweitert.“

In den Rechtswissenschaften gelingt es Christoph Kling tatsächlich leicht, seinen vielseitigen Interessen nachzugehen. Mit seiner Promotion in 2019 über historische Konkursverfahren gelingt ihm ein interdisziplinärer Aufschlag, der Politik, Geschichte, Informatik, Statistik und Recht miteinander verknüpft: „Die Fragestellungen ließen sich nur aus den unterschiedlichen Disziplinen heraus beantworten“, erklärt Kling seinen breit aufgestellten Ansatz. Aber genau da lag für den Wissenschaftler der Reiz. Selbst Informatik schreckte ihn nicht ab: „Ich bin ein heimlicher IT-Nerd und habe mir viel selbst beigebracht.“

Open Science-Design als Zufall

Herausgekommen ist nicht nur eine empirische Analyse als Dissertation, deren Erkenntnisse wegweisend für die Bemühungen um eine europäische Harmonisierung des Insolvenzrechts sind, sondern zugleich eine frei zugängliche Datenbank, in der unter anderem über 55.000 Konkursverfahren dokumentiert sind. „Der Open-Science-Ansatz ist eher zufällig entstanden. Mir ging es vor allem darum, eine Doktorarbeit zu schreiben, die transparent, schlüssig und nachvollziehbar ist“, resümiert der 34-Jährige, der im April 2021 sein zweites Staatsexamen bestanden hat.

Umso größer seine Freude über den Johannes Zilkens-Promotionspreis: „Man forscht und kommt mit Menschen in Kontakt, die am selben Thema interessiert sind. Aber im tiefsten Innern hegt man doch Zweifel, ob die Forschung auch anderen nützt. Die Auszeichnung zeigt mir, dass meine Überlegungen und Ergebnisse von Interesse sind, dass es Feedback gibt: Lob, Kritik – auch Verbesserungsvorschläge sind mir willkommen. Wenn der Promotionspreis dazu beiträgt, dass es ein größeres inhaltliches Feedback auf die Dissertation gibt, macht mich das glücklich.“

Zielgerichtet ins Ausland

Kling betont: „Ich habe Jura nicht mit dem alleinigen Ziel studiert, eines Tages eine Kanzlei zu übernehmen. Stattdessen habe ich versucht, mich in möglichst vielen Bereichen weiterzubilden, um dann zu schauen, was ich damit anfangen kann.“ So zieht es ihn während des Studiums nach Genf, um sein Französisch zu verbessern und die internationale Stadt des humanitären Völkerrechts kennenzulernen. 2014 – nach seiner Ersten juristischen Prüfung – absolviert Kling ein LL.M.-Studium an der Harvard Law School in den USA: „Da haben mich vor allem die Interdisziplinarität und die internationale Community fasziniert“, resümiert der Preisträger.

Diese Aufenthalte seien nur mit Unterstützung der Studienstiftung möglich gewesen. Auch etliche Sommerakademien habe er besucht und viele inspirierende Menschen kennen gelernt, die heute zu seinem Freundeskreis gehören: „Mein Netzwerk spannt sich rund um die Welt.“ Und genau diese Vernetzung helfe ihm stets, den Blick zu erweitern, um eben nicht alles aus deutscher Perspektive zu betrachten.

Seit 20 Jahren im DRK

Aber es gibt nicht nur den Juristen und vielseitig interessierten Christoph Kling, der Klarinette und Klavier spielt und Russisch lernt, sondern auch noch jenen Mann, der sich seit über 20 Jahren ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert: Als Kreisbeauftragter für Katastrophenschutz in seiner Heimatgemeinde in Rheinland-Pfalz ist er die Verbindungsperson zu sämtlichen Behörden und Einrichtungen wie Stadt, Land, Bundeswehr, Polizei, THW oder DLRG. Selbst während seiner Auslandsaufenthalte blieb er fürs DRK im Einsatz: „Vieles ist ja heutzutage über Internet und Telefon möglich – da konnte ich meine Arbeit weitestgehend aus der Schweiz und den USA weiterführen.“

Pandemie bestimmt den Alltag

„Die Pandemie hat allerdings bei mir zu einem massiven Arbeitsanstieg geführt“, erzählt Kling, der in jener Zeit parallel für sein zweites Staatsexamen lernen musste: „Das war schon eine Herausforderung!“ Corona beschäftige ihn seit über einem Jahr jeden Tag. Zurzeit organisiert Kling in seiner Heimat Coronatests in den ehrenamtlich geführten Testzentren. „Alle mobilen Impfungen in Alten- und Pflegeheimen und Behinderteneinrichtungen werden vom Ehrenamt durchgeführt – da helfe ich bei der Koordination.“

Wie er das alles unter einen Hut bekommt, fragt sich der 34-Jährige bisweilen auch: „Der Hut war – um im Bild zu bleiben – 2020 und 2021 ganz schön ausgebeult. Es war eine enorme Anstrengung, aber es hat auch viel Spaß gemacht.“

In der nächsten Zeit wird der Jurist seine beruflichen Weichen stellen und ein neues Lebenskapitel aufschlagen. Egal, welchen Weg Christoph Kling einschlägt: Den Blick über den Tellerrand wird er sich dabei stets bewahren.

Weitere Informationen

Stand: 11. Juni 2021