Analoge Nachbarn, digitale Hilfe: Machbarschaft vermittelt Unterstützung für den Corona-Alltag

Stipendiat Marc Sommer (21) studiert Wirtschaftsinformatik an der TU München. Gemeinsam mit Alumna und Ärztin Jenny Lam (26) engagiert er sich bei Machbarschaft, einer Online-Plattform, die Menschen ohne Internetzugang oder ausreichender Internetkompetenz mit engagierten Nachbarn zusammenbringen soll – schnell und sicher durch automatisierten Telefon-Service, künstliche Intelligenz und Helfer-App. Mit der Idee setzte sich das Projekt beim Hackathon „WirVsVirus“ der Bundesregierung Ende März durch und wurde als eines von 20 unter insgesamt 1.500 Projektideen ausgezeichnet.

Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?

Jenny Lam: Als Ärztin, die aktuell nicht im versorgenden System im Einsatz ist, habe ich seit Beginn der Corona-Krise eine Gelegenheit gesucht, ehrenamtlich Unterstützung zu leisten. Bei der Recherche bin ich auch auf das weltweit größte Hackathon-Wochenende „WirVsVirus“ aufmerksam geworden, das die Bundesregierung Ende März veranstaltet hat. Ich habe dann Marc von diesem spannenden Event erzählt. Am dritten Tag des Hackathons sprach Marc mich an, ob ich Machbarschaft unterstützen möchte. Zu diesem Zeitpunkt stand das Grundgerüst der Idee bereits und ich konnte voll einsteigen.

Marc Sommer: Ich hatte bereits mehrfach an Hackathons teilgenommen und fand es schon immer spannend, innerhalb kürzester Zeit, meistens 48 Stunden, etwas Technisches auf die Beine zu stellen. Als ich vom Hackathon der Bundesregierung gehört habe, dachte ich mir: „Klasse, das ist eine tolle Möglichkeit, um auch von zu Hause aus mit anderen Menschen an Lösungen in der Corona-Krise zu arbeiten.“ Mit anderen ebenfalls technisch orientierten Bekannten von mir, die auch an dem Hackathon teilgenommen haben, haben wir die eingereichten Ideen diskutiert und sind schließlich an der Idee von Machbarschaft hängengeblieben.

Jenny Lam: Was uns beide bei Machbarschaft sofort angesprochen hat: Die Initiative erwuchs aus einer bereits zuvor bestehenden Versorgungsnotlage, die durch die Pandemie noch drastischer geworden ist. Durch die jetzige Krise erkennen und bearbeiten wir erst Probleme wie das der möglichen sozialen Isolation von Menschen ohne Internetzugang. Diese Problematik existierte schon vor der COVID-19-Krise und wird es auch danach noch geben. Daher haben wir die Vision, Machbarschaft nachhaltig und über die COVID-19-Krise hinaus als Plattform zur Stärkung der Gemeinschaft in der Gesellschaft zu etablieren.

Wo stehen Sie aktuell bei der Projektentwicklung und was sind die nächsten Ziele?

Marc Sommer: Unsere nächsten Etappenziele sind: Testings der App und des Telefon-Bots, Start eines Pilotprojekts in Passau und anschließend die Veröffentlichung der App. Unsere Lösung befindet sich ja noch in der Entwicklung. Inzwischen arbeitet ein Team von über 40 Personen bei Machbarschaft – beim Hackathon waren es noch 15. Aktuell setzen wir alles daran, Machbarschaft möglichst breit bekannt zu machen, um nach der Veröffentlichung der ersten Produktversion schnell Menschen zu helfen.

Außerdem bauen wir Partnerschaften mit lokalen Initiativen auf, um sie als Digitalisierungsplattform bei ihrem Engagement zu unterstützen. Beispielsweise werden wir in Zusammenarbeit mit der sehr aktiven Nachbarschaftshilfe Passau in Kürze unser erstes Pilotprojekt in Deutschland starten! Wir wollen diese bereits aktiv helfenden Initiativen dabei unterstützen, bisher manuell durchgeführte Prozesse zu beschleunigen und zu vereinfachen. Mittelfristig planen wir, in sämtlichen Regionen Deutschlands zu skalieren. Auch zu EU-weiten Plattformen halten wir bereits Kontakt, denn das Problem, das wir lösen möchten, ist nicht nur auf Deutschland beschränkt. Daher wäre längerfristig auch ein EU- sowie weltweiter Einsatz sinnvoll. Um diese Schritte schnell durchführen zu können, freuen wir uns sehr über weitere engagierte Teammitglieder und Partner – ob ehrenamtlich, öffentlich oder industriell.

Was war Ihre bislang prägendste Erfahrung im Projekt?

Jenny Lam: Meine prägendste Erfahrung in diesem Projekt ist der unfassbare Team-Spirit. Wir sind nunmehr 40 Köpfe, überall in Deutschland verteilt, divers, interdisziplinär – und voller Ideenreichtum und Tatendrang. Uns vereint die gemeinsame Vision, schnellstmöglich Menschen mit unserer analog-digitalen Lösung zu helfen und dafür geben wir alle unser Bestes. Wir ziehen mit jedem neuen Tag noch ein bisschen mehr gemeinsam an einem Strang und vergessen, obwohl wir uns noch nie im echten Leben gesehen haben, dabei nicht unsere menschliche Seite. Auf diese Teamleistung bin ich bereits jetzt ausgesprochen stolz. Wie man so schön sagt: Teamwork makes the dream work!

Marc Sommer: Das Hackathon-Wochende war für mich die prägendste Erfahrung. Komplett digital mit eigentlich fremden Personen zusammenzuarbeiten, war für sich gesehen schon eine neue Erfahrung. Wir haben es trotzdem innerhalb kürzester Zeit geschafft, weit fortgeschrittene Apps für Android und iOS sowie eine Hotline zu entwickeln und sogar zu dokumentieren. Es kam an dem Wochenende fast niemand vom Computer weg, und die Motivation war aufgrund der Überzeugung, Menschen mit unserer Plattform helfen zu können, sehr hoch.

Als Ärztin und Student der Wirtschaftsinformatik bringen Sie ja zwei sehr verschiedene Perspektiven ein: Wie setzen Sie sich konkret bei Machbarschaft ein und wie hilft Ihnen dabei Ihr fachlicher Background?

Jenny Lam: Bei Machbarschaft habe ich zuerst Verhaltensempfehlungen für unsere potenziellen Helfer:innen und Hilfesuchenden entwickelt, welche den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts gerecht werden. Nachdem diese Aufgabe erledigt war, gab es interessanterweise – und für mich auch sehr ungewohnt – keine weiteren Themen, die einen spezifisch medizinischen Blick erforderten. Daher habe ich sehr früh fachfremde Aufgaben übernommen, denen ich im Krankenhaus so nicht begegne. Mit Marc gemeinsam habe ich die Bereiche Human Resources, Public Relations und Projektmanagement aufgebaut und bin hier bis heute maßgeblich tätig. Diese äußerst spannenden Herausforderungen lassen mich wachsen. Glücklicherweise stehen uns auch viele hilfsbereite Expertinnen und Experten, insbesondere aus dem Förderprogramm der Bundesregierung, beratend zur Seite. Bei der Arbeit zeigt sich für mich grundsätzlich wieder, dass Fachwissen nicht alles ist. Viel entscheidender in so einem dynamisch und schnell wachsenden Projekt ist es, die unterschiedlichen Einstellungen und Herausforderungen als Chancen zu sehen und bereits Erfahrenes sowie Gelerntes flexibel in unbekannten Situationen einzusetzen.

Marc Sommer: Bei Machbarschaft bin ich seit dem Hackathon-Wochende für die Organisation des IT-Teams verantwortlich. Auch bei der Pressearbeit, bei Fundraising-Bewerbungen für unser Projekt und der Suche nach neuen Projektmitgliedern bringe ich mich ein. Als Wirtschaftsinformatikstudent konnte ich nicht nur technisches und wirtschaftliches Studienwissen anwenden, sondern auch bisherige Erfahrungen aus Ehrenamt und Praxis. Das Projektmanagement des IT-Bereichs mit vielen Ehrenamtlichen ist wichtig, damit das gemeinsame Entwickeln unserer IT-Plattform reibungslos funktioniert. Welche Programmiersprache und welches Framework benutzen wir? Wie bauen wir unsere Datenbank auf und welchen Dienst nutzen wir dafür? Wie verteilen wir die Aufgaben optimal im Team und kommunizieren miteinander? Das sind alles Themen, die wir gemeinsam entscheiden müssen und dafür alle unsere persönlichen Erfahrungen und unser Wissen einbringen. Da hilft es, dass nicht nur Studenten programmieren, sondern auch Experten mit vielen Jahren Berufserfahrung.

Wie können Interessierte Ihre Arbeit weiter unterstützen?

Jenny Lam: Wir freuen uns sehr über weitere engagierte Team-Mitglieder, die Lust haben, in einem Open-Source-Projekt mit Social-Startup-Flair Gutes zu tun. Wir benötigen stets kluge Köpfe und passionierte Herzen. Jeder kann sich bei uns nach seinen Vorstellungen, Kompetenzen und Kräften einbringen. Schreibt uns gerne eine E-Mail an hallo@machbarschaft.jetzt!

Folgt uns zudem gerne auf Social Media und tragt die Nachricht über unser gemeinnütziges Angebot und unsere Vision im Rahmen unseres Botschafter-Programms in die Welt!

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Stand: Mai 2020

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