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Berichte

Das Mercator Kolleg in Äthiopien: Unser Traum wird wahr, Zwischentreffen in Afrika!

Wir, der aktuelle Mercator Kolleg Jahrgang, hat dieses Jahr Äthiopien als Reiseziel für unser Zwischentreffen gewählt. Die meisten von uns konnten allerdings nicht zu Fuß ankommen, sondern flogen ein aus aller Welt von den Philippinen bis Peru. Wir fuhren in die unbekannte äthiopische Ferne um zu Hause bei unseren Mercatoris anzukommen.

"You're off to great places, you're off and away! You've got brains in your head, you've got feet in your shoes. You can steer yourself in any direction you choose" - Dr. Seuss

Wir, der aktuelle Mercator Kolleg Jahrgang, hat dieses Jahr Äthiopien als Reiseziel für unser Zwischentreffen gewählt. Die meisten von uns konnten allerdings nicht zu Fuß ankommen, sondern flogen ein aus aller Welt von den Philippinen bis Peru. Wir fuhren in die unbekannte äthiopische Ferne um zu Hause bei unseren Mercatoris anzukommen.

Das Zwischentreffen findet traditioneller Weise im Mai statt und ist für viele StipendiatInnen der Übergang von ihrer zweiten zur dritten Stage. Es ist ein selbstorganisiertes Seminar, das es uns ermöglicht, Entwicklungszusammenarbeit, ökonomischen Aufschwung, und politische Beziehungen in einer aufstrebenden Nation hautnah mitzuerleben. Das Zwischentreffen ist, genau wie sein Name sagt, ein Treffen zwischen den Kontinenten, zwischen Programmabschnitten, zwischen Arbeitsverträgen. Es ist aber auch ein Treffen zwischen den Welten: Junge Mercatoris trafen auf Funktionäre der Afrikanischen Union, speisten fürstlich mit den deutschen und schweizer Botschaftern, diskutierten mit äthiopischen Intellektuellen und Journalisten, trafen äthiopische Mönche und Nonnen, aber auch Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und Fliegen in den Augen, deren einziger englischer Satz “Hello, Money!” mal fordernd, mal verschmitzt vorgebracht wurde. In unserem Bus reisten wir mit dem schwäbischen Kinderlied „Unser Traum wird wahr, Ferien in Afrika“ auf den Lippen, wie in einer Raumkapsel durch Addis, zum Wenchi-Kratersee und bis nach Bahir Dar.

Ein äthiopisches Sprichwort besagt, „Durch seine Augen versteht man,“ und so sperrten wir unsere Augen und Ohren weit auf. Was wir sahen und hörten, zeugte von optimistischer Aufbruchsstimmung sowohl für Äthiopien, als auch für den Kontinent. Große Plakate mit deklarativen Slogans „I am Africa, This is My Century,“ „Arise, Africa 2063,“ „African Solutions for African Problems“ begrüßten uns bei der Ankunft in Addis Abeba und begleiteten uns auf den Busfahrten durch die Stadt. Die Plakate bereiteten die Äthiopier sowie die internationalen Staatsgäste auf das 50jährige Jubiläum der Afrikanischen Union vor, welches während unseres Aufenthaltes stattfand. Dies stellte uns auch vor die eine oder andere logistische Herausforderung. Straßenabsperrungen für Staatsgäste brachten gelegentlich unsere Planungen etwas durcheinander. Vor allem aber sorgte dieses Timing für interessante Diskussionen mit der UN, der Europäischen Kommission, der GIZ, Nichtregierungsorganisationen und Universitätsprofessoren.

Überall hörten wir von neu erwachten afrikanischem Selbstbewusstsein, Streben nach Unabhängigkeit von Entwicklungshilfe, und der Nutzung des schlafenden Potentials eines Kontinents mit großen ökonomischen Ressourcen, dessen nach wie vor überwiegend negatives Image der Realität ein wenig hinterher hinkt. Viele sehen Afrika oft fälschlicherweise als den verlorenen, den dunklen, von Konflikten, Korruption und Hungersnöten heimgesuchten Kontinent. Herr Carlos Lopez, Head of UN Economic Commission in Africa belehrt uns eines besseren: es gibt mehr Konflikte in Asien als in Afrika, nur werden diese Konflikte intern und nicht vom UN Sicherheitsrat gelöst; aktuell sterben mehr Leute in Pakistan als in Mali; ja, es ist noch schwierig, in Afrika zu investieren, aber es ist auch oftmals schwer in Asien und dennoch wird dort investiert.

Vielen ist das enorme wirtschaftliche Zukunftspotential Afrikas nicht bewusst. In den Bereichen Agrikultur, Energieproduktion und, mit der zunehmenden Formalisierung der Wirtschaft, effizientere Produktion, zeichnen sich positive Tendenzen ab. Afrika, wird bald der jüngste Kontinent sein, mit einer zum großen Teil urbanisierten Bevölkerung, und zunehmender Internetpenetration. Diese Transformationen werden jedoch nicht aufgrund von Entwicklungshilfe stattfinden.

Auch in Äthiopien, wo die Regierung einen sehr selbstbewussten Umgang mit Geldgebern verfolgt, lassen sich die Fortschritte messen. Der Grundschulbesuch wurde seit 1994 um 500% gesteigert, das BIP wuchs um 7.5% im Jahr 2012. Das Land befindet sich jedoch noch immer auf Platz 173 des HDI und unsere Ausflüge aufs Land führten uns die Armut krass vor Augen. Nichtsdestotrotz sind die Geberinstitutionen mit denen wir uns treffen von der eigenständigen Entwicklungspolitik, den Resultaten und dem selbstbewussten Auftreten der äthiopischen Regierung beeindruckt.

Ist Äthiopien Afrika?

Ob Äthiopien nun tatsächlich nicht nur in Afrika liegt, sondern auch Afrika ist, löste immer wieder Diskussionen unter den KollegiatInnen aus. Die afrikaerfahrenen TeilnehmerInnen ordneten Äthiopien eher dem Nahen Osten zu: So gehört die Amtssprache Äthiopiens, Amharisch, ebenso wie Arabisch und Hebräisch zur semitischen Sprachfamilie. Die runden Kirchen und Klöster mit atemberaubenden Malereien, die wir im Norden des Landes besichtigten, sind typisch für das äthiopisch-orthodoxe Christentum, welches seine Abstammung auf Salomon und die Königin von Saba zurück führt. Auch die Geschichte der Juden und Muslime in Äthiopien ist verwoben mit den Ursprüngen ihrer Religionen im Nahen Osten. So sollen die Fellaschas, die Juden Äthiopiens, der verlorene 13. Stamm Dan sein – ihre Traditionen sind älter als der Talmud. Und auch die ersten Muslime, die nach Äthiopien kamen, waren angeblich? Gefährten des Propheten Mohammed. Das friedliche Miteinander der drei Religionen hat besonders bei den Nahost-spezialisierten KollegiatInnen einen großen Eindruck hinterlassen.

Dass in Äthiopien die Uhren anders ticken, merkten wir nicht nur an den unterschiedlichen Zeitangaben äthiopischer Uhren - die erste Stunde fängt mit Aufgang der Sonne um 6 Uhr an. Die Busfahrt nach Bahir Dar im Norden Äthiopiens, angesetzt mit 7 Stunden, entuppte sich als 13 stündige Tour durch Äthiopiens Hochland. Vorbei an Kaffee- und Bananenpflanzen, über Straßen, die in Zusammenarbeit mit China gebaut werden, an Feldern und Dorfmärkten entlang und nicht zuletzt durch die Blaue Nil-Schlucht führte uns der Weg und ermöglichte uns beeindruckende Aussichten und Einblicke in dieses einzigartige Land. Ergänzt wurden diese Eindrücke in Bahir Dar durch eine Bootsfahrt auf Äthiopiens größtem See, dem Tanasee, dessen Inseln alte Kirchen beherbergen sowie eine kleine Wanderung zu den Blauen Nil-Fällen. Spätestens nach dieser Fahrt stand für die KollegiatInnen, die in Äthiopien das erste Mal afrikanischen Boden betraten, fest: Äthiopien ist Afrika!

Neben zahlreichen Gesprächen, Besuchen von Märkten und Ausflügen ins Landesinnere Äthiopiens diente das Zwischentreffen aber auch dem Erfahrungsaustausch unter den Kollegiaten. Nach 8 Monaten, die wir in der Welt verstreut unsere Stagen absolvierten, war die Reise nach Addis Abeba ein perfekter Zeitpunkt, gemeinsam über all die Erfahrungen, die jeder einzelne in der vergangenen Zeit gesammelt hat, zu reflektieren; die persönliche Entwicklung einmal aus Sicht der Mitkollegiaten zu hören; sich auszutauschen über die Erwartungen an die restliche Zeit des Jahres und vor allem auch an die Zeit nach Mercator. Wir fuhren in ein faszinierendes, widersprüchliches, kompliziertes, Land, welches uns offenherzig empfing. Nach zehn Tagen kamen wir alle, randvoll mit neuen Einsichten über Äthiopien und Karrieren in internationalen Organisationen, nicht nur dank des äthiopischen Kaffees frisch gestärkt wieder in aller Welt an unseren Arbeitsplätzen an. Unser Traum wurde wahr, Zwischentreffen in Afrika.

Von Sarah Hasselbarth und Marcia C. Schenck