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Berichte

Studienjahr an der Tsinghua Universität in Peking

Mit den ersten Worten auf Chinesisch beim Zoll am Tian Shan beginnt ein Leben im Lehrbuch: 24 Stunden verfügbar, lebensnah und vor allem einprägsam. 1,3 Milliarden Dozenten warten darauf engagiert zu werden und ihren Beitrag für mein Chinesisch zu leisten. So komme ich in Peking an ...

... und habe schon einen dreiwöchigen Praxistest in den westlichen Provinzen hinter mir. Wohnungsmakler, Hostelpersonal und Verkäufer jeder Art stehen für die nächste Lektion bereit.

Chinesischunterricht:

Der Chinesischunterricht der Tsinghua Universität ist recht ordentlich, zumal die Lehrer die erste Generation Absolventen des Studiengangs Chinesisch als Fremdsprache sind. Mit Klassenstärken von über 20 Studenten kann die Unterrichtszeit allerdings nicht wirklich effektiv genutzt werden. Eine Privatschule mit kleinen Gruppen und äußerst effizienten Methoden ist für mich die perfekte Ergänzung.

Mein Fokus für diese drei Stunden täglichen Kleingruppenunterricht liegt vollständig auf Umgangssprache. Wenn draußen der Volksmund wartet, kann ich nicht drinnen sitzen und Zeichen üben. Das habe ich in Deutschland lange genug getan, weil ersteres nicht gegeben war. Der Plan geht auf. Für das Hörverständnis braucht es nicht viel, wenn man in dem Land lebt, dessen Sprache man lernt. Für das Sprechen führen fordernder Unterricht und Aussprachetrainings der Schule zu einer merklichen Veränderung des Verhaltens der Chinesen mir gegenüber. Anfänger begegnen im Allgemeinen übersprudelndem Lob für Worte wie „Hallo“ und „Danke“. Im Laufe der Zeit bekommt das Chinesisch nur noch das Prädikat „ganz in Ordnung“. Dann hört man Fragen nach der Aufenthaltsdauer in China in Jahren und Absonderliches wie, dass man die Melodie gut halte. Jugendliche sprechen irgendwann lieber Chinesisch als Englisch, man wird als vergnüglicher Ausländer zu kleinen Festen im Freundeskreis mitgenommen und Aussprachefehler werden mit dem Verweis auf die eigenen regionalen Unterschiede hinweggelobt. Die Spirale steter Verbesserung dreht sich quasi von selbst.

Peking:

Ich lebe in einer Pekinger Altstadtwohnung, einem flachen Steinhaus, im selben Hof wie dessen Besitzer. Sein Großvater hat das Haus 1910 errichtet. An der Wand steht „Lang lebe der Vorsitzende Mao“. Das sieht man sonst nirgends. Die Familie hat es als Andenken an die Kulturrevolution stehen lassen. Vor der Tür liegt ein Gewirr von Gassen zwischen kleinen Häusern, die in einer Woche hochgezogen werden und ebenso schnell wieder verschwinden können. Der Gestank der öffentlichen Klos wabert in der Luft, Frauen schütten einem Waschwasser vor die Füße und Männer reinigen lautstark ihren Rachen. Die verbotene Stadt ist drei Busstationen entfernt. Peking ist schön.

Tsinghua Universität:

Das zweite Semester an der Tsinghua Universität beginnt mit einem radikalen Schnitt vom Sprachenlernen zurück zur Physik, um Chinas Spitzenforschung und die Grundlagen der Arbeit in einem Molekularstrahlepitaxie Labor in der Arbeitsgruppe von Prof. Xue Qi-Kun, dem Dekan des Fachbereichs Physik an der Tsinghua Universität, kennenzulernen. Der Zeitpunkt für den Einstieg ins Labor ist perfekt gewählt, weil die Maschine einen Monat lang streikt und gewartet werden muss, so dass ich viele Dinge zu Gesicht bekomme, die sonst im Hochvakuum versiegelt wären. Die Arbeitszeiten der Studenten sind quasi unbeschränkt. Mein Tag jedoch endet spätestens abends um 22.30 Uhr, weil dann die letzte U-Bahn fährt. Irgendwie gefällt mir die Idee, die Bandlücke in Halbleitern mit elektronischen Oberflächenzuständen zu überbrücken und damit eine neue Materialklasse, die auf Augenhöhe mit Isolatoren, Halbleitern und Su-perleitern steht, zu schaffen: topologische Isolatoren. Ein Kommilitone, der anfangs jeden Tag eifrig am Schreibtisch Ergebnisse zusammenfasste, überreicht mir eines Tages stolz seine Doktorarbeit. Ich denke zurück an die ersten chinesischen Sätze, in denen man sich nach den Geschwistern seines Gesprächspartners zu erkundigen lernte, und fange an, eine chinesische Promotion über dünne Filme aus topologischen Isolatoren zu lesen.

Später wechsle ich innerhalb der Arbeitsgruppe ins Institut für Physik und darf selbst mit Hand anlegen. Eine junge Doktorandin ist verantwortlich für die tägliche Laborarbeit, ein frisch promovierter Postdoc mit gutem Überblick steht im Hintergrund als Ansprechpartner bereit und der Professor kommt regelmäßig zu kurzen Diskussionen ins Labor. Das Leben der Studenten ist ein Pendeln zwischen Wohnheim, Mensa und Labor. Ich lerne viel über tägliche Laborarbeit und Handhabung. In Bezug auf Forschungsmethodik gibt es jedoch kaum Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Schnell ist klar, dass ich auf meinem Fachgebiet keine wissenschaftliche Abschlussarbeit in China schreiben werde.

SINANO, Institut für Nanotechnologie:

In Suzhou arbeite ich im Juli und August für die Chinesische Akademie der Wissenschaften im Institut für Nanotechnologie, SINANO, an einer Forschungskooperation mit dem Berliner Paul-Drude-Institut mit. Während meiner Arbeit werde ich mit dem halben Institut bekannt, lerne alle Verantwortlichen der chinesischen Seite kennen, singe im Wissenschaftlerchor chinesische Revolutionslieder und spiele mit ihnen jeden Donnerstag Badminton. Für einen Wochenendausflug geht es auf eine Insel südlich von Shanghai. Sie laden mich ein, an der „13th National Conference on Thin Solid Films“ am Gelben Meer an der Nordküste Shandongs teilzunehmen, und schicken mich auf eine Dienstreise nach Peking zum Institut für Halbleiter, von dem ein Großteil der Führungsebene von SINANO graduiert ist. Die Eigenverantwortung und die Freiheiten, die mir zugestanden werden, sind eine erstklassige Vorbereitung auf eigenständige Forschungsarbeit.

Sichuan:

Eine Woche habe ich mir gegeben, um mir den Traum eines jeden Freundes der chinesischen Küche zu erfüllen und Sichuan zu bereisen. Ich kann nicht länger an einem Ort verweilen; es zieht mich stets weiter. Reisen heißt in Bewegung bleiben. Drei volle Tage verbringe ich zusammengerechnet im Zug oder im Bus, lasse mich tragen von chinesischen Reisebekanntschaften, träume von den Landschaften, die am Fenster vorbeiziehen, und suche mir aus chinesischen Reiseführern die kulinarischen Spezialitäten heraus. Vom paradiesischen Urzeittal Jiuzhaigou im Norden der Provinz, wo ein alter Goldsucher aus Kanton auf der Durchreise sein Doppelzimmer mit mir teilt und mir seinen dicken Wollpullunder für die kalten Gipfel dalässt, geht es durch das Gebiet des Erdbebens von 2008 nach Chengdu und direkt weiter ins Herz der schärfsten Küche Chinas, ins brodelnde Chongqing, wo mich ein chinesischer Freund in Empfang nimmt. Mit dem Zug fahre ich über Nacht ins nahe Wanzhou und lasse mir von einem zufriedenen Pensionär auf seinem Morgenspaziergang vom Leben mit dem Drei-Schluchten-Staudamm erzählen, bevor es mit dem Schnellboot über den Yangtse nach Yinchuan weitergeht. Das russische Tragflächenboot gleitet über das Wasser durch charakteristische chinesische Landschaften, wie sie tausendfach gemalt wurden, während ich mit anderen Passagieren das Für und Wider einer Besichtigung des Riesendamms diskutiere. In Yinchuan verbringe ich den Abend beim Taiji mit einem erfahrenen Lehrer an der Yangtsepromenade, höre interessiert einem Passanten zu, der mir einreden will, amerikanische Flieger würden den Damm bombardieren, und fahre dann über Nacht zurück nach Peking. Es ist ein Land im Zeitraffer, aber ich bin mitten drin.

Piet Schönherr, Physik (Auszüge aus dem Bericht über ein Studienjahr in Peking 2011/2012)