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Staunen in Wissenschaft und Kunst: Forschungskolloquium in Südtirol

Die Studienstiftung fördert Doktoranden mit besonderen Angeboten wie Doktorandenforen, -meetings oder Kompetenzworkshops. Daneben gestalten die Doktoranden die ideelle Förderung aktiv mit, in Form von selbst initiierten und organisierten Forschungskolloquien. Im Jahr 2016 gab es sieben davon – eines davon war ein Forschungskolloquium zum Thema "Staunen" in Südtirol.

„Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“ Wer sich einen Überblick über die gegenwärtigen wissenschaftlichen Publikationen zum Thema „Staunen“ verschafft, wird feststellen, dass dieses Zitat Albert Einsteins wieder Konjunktur hat. In unserem interdisziplinären Forschungskolloquium, das vom 1. bis 4. September 2016 inmitten der Südtiroler Berge stattfand, gingen wir von folgender Grundannahme aus: Das Staunen ist ein Modus des Noch-nicht-, des Nicht-mehr- oder auch schlicht des Anders-Verstehens, der einen genuinen Zugang des Menschen zur Welt sowie zu sich selbst beschreibt und dabei Alltag, Wissenschaften, Natur, Technik und Künste durchdringt.

In der Begegnungsstätte „Buchnerhof“ der Elisabeth und Helmut Uhl Stiftung, die neben der Studienstiftung unser Projekt großzügig unterstützte, untersuchten 14 Doktorandinnen und Doktoranden sowie Meisterschülerinnen und -schüler die Struktur des Staunens aus verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Perspektiven, um übergreifende Muster und Differenzen anhand konkreter Fallbeispiele zu erfassen. Ergeben hat sich dabei eine Schärfung des Staunen-Begriffs in Abgrenzung zu verwandten, kulturhistorisch konnotierten Phänomenen, aber auch die Erkenntnis, dass die vermeintlich einfache Struktur des Staunens durch ihr Auftreten in unterschiedlichen Kontexten schwerer systematisch zu fassen ist als anfangs angenommen.

Besonders wertvoll erschien uns, dass wir auf dem Buchnerhof drängende Problematiken rund um das Staunen in aller Ruhe neu formulieren konnten, statt uns mit vorschnellen Antworten abfinden zu müssen. Eigene Thesen konnten ausprobiert und in der Runde von verschiedenen Seiten beleuchtet, differenziert und angezweifelt werden. Unbeschwert durch Evaluierungen oder wissenschaftsferne Verwaltung durchlebten wir über vier intensive Tage hinweg, welche Herausforderung es darstellt, interdisziplinär konstruktiv und zielführend an einem Thema zu arbeiten. Die Ergebnisse des Workshops werden im Frühjahr 2017 im Rahmen einer zweiten Veranstaltung weiterentwickelt, um eine kooperative Studie über das Staunen im Spannungsfeld von Natur und Kultur zu erarbeiten.

Timo Kehren, Romanistik, Universität Mainz
Carolin Krahn, Musikwissenschaft, Universität Wien
Georg Oswald, Philosophie, Universität Heidelberg
Christoph Poetsch, Philosophie, Universität Heidelberg

Stand: Oktober 2017

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