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Berichte

Zwischen Mönchen und Moscheen – zwei Jahre in Damaskus

„aṣ-ṣirāṭ al-mustaqīm“ – „Der Gerade Weg“ (Koran 1:6): Blick in die Altstadt von Damaskus. Promotionsstipendiat Manolis Ulbricht berichtet über seinen Forschungsaufenthalt in Syrien (2010-2012)

Nachdem ich im Jahre 2010 mein Studium der Islamwissenschaft, Theologie und Alten Geschichte in Athen und Berlin beendet hatte, entschied ich mich für einen zweijährigen Forschungsaufenthalt nach Syrien zu gehen. Ziel war ein kommunikativer-interreligiöser Ansatz, indem ich meine Forschungen zur ersten Koranübersetzung aus dem 8./ 9. Jh. n. Chr. ins Griechische – nach der westlich-akademischen Herangehensweise in der Magisterarbeit – nun um die traditionelle muslimische Perspektive ergänzen wollte. Dazu organisierte ich mir über persönliche Kontakte Unterricht in verschiedenen Moscheen von Damaskus in diversen traditionellen Wissenschaftsdisziplinen des Islam, wie etwa Koranlesung (tajwīd), Koranauslegung (tafsīr), islamische Dogmatik (tawḥīd) und Prophetentradition (ḥadīth).

Der Unterricht fand zu traditionellen Zeiten statt, also entweder nach dem muslimischen Morgengebet je nach Jahreszeit zwischen 5:30 und 7:00 Uhr oder zwischen Abend- und Nachtgebet (maghreb – ʿishāʾ), „der gesegneten Zeit für die Lehre“, wie mir versichert wurde. Wir saßen uns gegenüber auf dem Boden des Gotteshauses, ich rezitierend-vorlesend, während mein jeweiliger Lehrer, ein sheikh mit Gebetskappe und Bart, mich mit gelegentlichen Einwürfen korrigierte. Und so wurden mir auch schon mal – während ich mich heiliger Studien widmete – meine Schuhe hinter dem Rücken weggeklaut, die ich am Fuße einer in meiner Phantasie mindestens 2.000 Jahre alten antiken Säule im Mittelschiff der Großen Mosche der Umayyaden abgelegt hatte. In den sehr persönlichen Begegnungen mit diesen dankenswerten Menschen, die aus der Tiefe ihrer Überzeugung mir ihren Islam vermittelten, blieb neben dem fachlichen curriculum auch viel Raum für Diskussionen über Glauben und Aktualität.

Da sich meine Promotion in Ergänzung zur griechischen Koranübersetzung – einem der frühen Zeugnisse des Koran überhaupt – auch mit ihrer Verwendung im Rahmen einer christlich-byzantinischen Polemik gegen den Islam aus dem 9. Jh. in einer vatikanischen Handschrift (Vaticanus graecus 681) auseinandersetzt, suchte ich komplementär den Kontakt zu den orientalischen Christen, allen voran der Kurie des nun verschiedenen rūm-orthodoxen Patriarchen S. H. Ignatios IV. Hazīm. Diverse Klosteraufenthalte im Libanon, Syrien und Ägypten ließen mich in Kontakt treten mit Verantwortlichen der alten Klosterbibliotheken samt ihrer reichen Handschriftenbestände. Diskussionen über Liturgie und Dogmatik erbrachten mir Erkenntnisgewinne, auch im Bezug auf die Analyse und Kommentierung der o. g. Islam-Polemik, in welcher die Koranübersetzung überliefert ist. Da ich meine monastischen Reisen zu Feiertagen plante, ergab es sich, dass ich in diesem Zuge acht- bis zehnstündige Gottesdienste in alten freskenbemalten Kirchen an Felshängen zu Ehren von Märtyrern und Heiligen miterleben durfte. Die erfahrene Herzlichkeit verbunden mit wissenschaftlichem Erkenntnisfortschritt sind prägende Erlebnisse meines Lebens.

Als nach einem halben Jahr der Aufstand in Syrien begann, im März 2011, musste ich meine akademischen Pläne und Vorsichtsmaßnahmen neu ordnen. Das Französische Institut (IFPO), mit dem ich affiliiert war, schloss, ebenso die anderen europäischen Institute, die mir u. a. als Arbeitsplatz gedient hatten. Als auch die deutsche Botschaft nach Weihnachten 2011 nicht mehr öffnete und auch sonstiger für mich zuständiger Konsularbeistand wegbrach, war mir jeden Tag bewusst, dass ich im Ernstfall auf mich allein gestellt bliebe. Doch waren gesetzte Ziele noch nicht erreicht: So publizierte ich im Sommer 2012 einen ersten wissenschaftlichen Abriss meiner Forschungsergebnisse auf Arabisch und hatte bis dahin – dank großzügiger Unterstützung der Studienstiftung des deutschen Volkes – arabisch- und englisch-sprachige Vorträge über mein Promotionsvorhaben in Beirut und Damaskus gehalten und mich gewinnbringend mit Fachkollegen vor Ort ausgetauscht.

Während dieser zwei Jahre nahm ich kontinuierlich Arabisch-Unterricht, das letzte Jahr lediglich privat etwa in klassischer und vor-islamischer (jāhiliyya) Dichtung und Korangrammatik (ʾiʿrāb). Das Passieren der check-points des Geheimdienstes und des Militärs in und um Damaskus, wenn ich in die Vororte der Hauptstadt zu meinen Lehrern fuhr, war alltäglicher Bestandteil meines Studienlebens. Der Anblick von Waffen, Routine. Das Hören von Gefechten, unumgänglich. Rauchsäulen am Himmel, normal. Bombendetonationen in Damaskus rissen mich manch einen Morgen aus dem Schlaf. Somit wurde es zu einer „Entscheidung von Tag zu Tag“, ob ich bleiben konnte oder doch meinen fertig gepackten Not-Koffer aus dem Schrank nehmen und das Taxi gen Beirut rufen sollte.

Meine Auseinandersetzung in Syrien mit einem über 1.000 Jahre alten Text stellte sich als eine Beschäftigung auch mit hoch aktueller Materie heraus: Dieselben Argumente wie in jener Polemik hörte ich während dieser Jahre unentwegt von meinen orientalischen Gesprächspartnern – Muslim oder Christ – und las sie in rezenten Streitschriften, so dass man getrost konstatieren darf, dass Polemik sich im letzten Jahrtausend nicht substanziell geändert hat, sondern vielmehr als eine (andere) Art interreligiösen Dialoges verstanden werden darf. Die Analyse der vatikanischen Handschrift im Rahmen meiner Promotion bekräftigt dies, deren Ergebnisse demnächst vorgestellt werden sollen. Da Übersetzung auch immer Interpretation darstellt, können durch die Kommentierung dieses Textzeugnisses wertvolle Hinweise auf die bisher noch relativ unbekannte Entwicklung des Islam in den ersten zwei Jahrhunderten nach seinem Aufkommen geschlossen werden. 

Es war eine Zeit geprägt von Studium, Frustration über die arabische Sprache, stetige Eigenmotivation, Selbstrechtfertigung meines Daseins an diesem Wüstenfleck der Erde zu diesen Zeiten sowie den Willen, die mir gesetzten Ziele zu erreichen, ohne dabei freilich mein Wohl leichtfertig aufs Spiel zu setzen. So erhielt der Ausdruck „Nervenkrieg“ für mich eine tiefere Bedeutung, und dies inmitten eines orientalischen Lebens. Ich hatte das unzweifelhafte Privileg, mich selber verwirklichen zu dürfen und mir selbst auferlegte Projekte realisieren zu können, dank großartiger Unterstützung aus Deutschland von der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst; in dieser Hinsicht erfüllt mich weiterhin große Demut gegenüber der verlorenen Generation meiner syrischen Altersgenossen und Freunde. Es war nicht nur eine Zeit prägender zwischenmenschlicher Erfahrungen, sondern auch der Erkenntnis, wie wichtig Kommunikation und interkultureller Dialog ist – nicht nur für eine Dissertation.