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Zwischen Talent, Teilhabe und Demokratie: Annette Julius über die Rolle der Studienstiftung im 21. Jahrhundert

Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist 100 Jahre alt. Was bleibt, was hat sich verändert – und wie behauptet sich Begabtenförderung in einer aufgeregten Öffentlichkeit? Ein Gespräch mit Generalsekretärin Annette Julius.

Frau Julius, die Studienstiftung des deutschen Volkes besteht bereits seit 1925. Gibt es – jenseits aller Brüche – einen roten Faden in dieser langen Zeitspanne?

Unser Auftrag: begabte junge Menschen bestmöglich fördern – unabhängig von Herkunft und finanziellen Verhältnissen. Wir wollen Talente zur Entfaltung bringen und sie zu Exzellenz sowie zur Übernahme von Verantwortung befähigen und ermutigen.

1925 wurde die Studienstiftung in politisch fragilen Zeiten gegründet. Wo sehen Sie Parallelen zur Gegenwart – und was unterscheidet die Epochen grundsätzlich?

Zunächst die Unterschiede: Die erste Studienstiftung war sehr klein – in den ersten zehn Jahren wurden etwa 1.000 Personen gefördert. Heute sind es jedes Jahr rund 14.000 Studierende und etwa 1.500 Promovierende; unser Alumni-Netzwerk umfasst über 80.000 Personen. Zudem war die Studienstiftung anfangs Teil der Vorgängerinstitution des Deutschen Studierendenwerks. 1933 wurde sie gleichgeschaltet, 1935 aufgelöst, und erst seit der Wiedergründung 1948 ist sie ein eigenständiger eingetragener Verein.

Und die Parallelen?

Die gibt es beim Anspruch: wissenschaftliche Exzellenz, Persönlichkeit und Verantwortungsübernahme waren immer wichtig – der Akzent lag 1925 aber anders. Nach dem verlorenen Krieg drohte eine „verlorene Generation“. Damals war wirtschaftliche Bedürftigkeit ein Aufnahmekriterium: ohne Bedürftigkeit keine Förderung. Heute spielt die finanzielle Lage für die Stipendienhöhe eine Rolle, nicht für die Aufnahme.

Als Lehre aus dem Elitenversagen der Weimarer Zeit wurde bei der Neugründung 1948 der explizite Gemeinwohlbezug in die Satzung aufgenommen – mit Folgen für die Förderpraxis. Unsere ideelle Förderung wurde systematisch auf- und ausgebaut, heute bieten wir ein Veranstaltungsprogramm mit mehr als 14.000 Plätzen pro Jahr sowie viele Aktivitäten an den Hochschulorten. Eine eigene Förderung für Auslandsaufenthalte gibt es auch erst seit der Wiedergründung, die Promotionsförderung seit den 1960er Jahren. Die Institution hat sich insofern stark ausdifferenziert.

Sie sprechen meist von Talent, Begabten – das Wort „Elite“ taucht seltener auf. Ist „Elite“ diskreditiert?

Die Studienstiftung hat sich stets als Begabtenförderung verstanden, nicht als Elite-Förderung – aus guten Gründen. Zum einen ist „elitär“ im Deutschen kaum von Konnotationen wie Arroganz, Abschottung und Selbstrekrutierung zu trennen – das Gegenteil dessen, was wir signalisieren wollen: Offenheit für Talente, unabhängig von Herkunft und Fach.

Zum anderen ist unser Förderverständnis anders als in Institutionen, die Funktionseliten über definierte Rekrutierungspfade ausbilden. Wir fördern individuell und ergebnisoffen – im Vertrauen, dass die Geförderten später selbst gute Entscheidungen treffen, in welchen Sektoren und Rollen sie ihr Talent und ihr Können in die Gesellschaft einbringen. Natürlich sind unsere Alumni auch in Funktionseliten vertreten – aber die Förderung der Studienstiftung zielt nicht auf bestimmte Positionen. Entscheidend ist der Auftrag, Verantwortung nicht abgeschottet, sondern im Hinblick auf das Gemeinwohl zu verstehen.

Wie vermitteln Sie diesen Anspruch – ergebnisoffene Förderung, verbunden mit Gemeinwohlorientierung?

Erstens ist „Einsatz für andere“ ein Auswahlkriterium – eines von fünf. Wir wollen sehen, dass Bewerberinnen und Bewerber bereits in Schule und bisherigen Stationen das, was ihnen leichter fällt, für andere und nicht nur karrieristisch einsetzen.

Zweitens ermöglichen wir Tiefe im Studium und ermutigen zur Breite: rechts und links blicken, aktuelle gesellschaftliche Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven bearbeiten – die Studienstiftung wirkt hier als Inkubator.

Drittens fördern wir seit rund zehn Jahren mit der Linie „Gesellschaft gestalten“ gezielt ehrenamtliches Engagement – mit einem eigenen Engagement-Preis, Skills-Workshops, Vernetzung, Mentoring, Spendenaufrufen und mehr.

Unabhängige Evaluationen attestieren Vielfalt bei den Stipendiaten. Zugleich lautet ein alter Vorwurf an die Stiftung: Für junge Menschen aus Nichtakademikerhaushalten ist der Zugang schwer. Erreichen Sie diese Gruppen heute besser?

Leicht ist das Auswahlverfahren für niemanden, und Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern haben auch in früheren Jahrzehnten in den Auswahlseminaren nicht schlechter abgeschnitten als andere. Neu ist, dass die Studienstiftung in den letzten 10 bis 15 Jahren gezielte Anstrengungen unternommen hat, damit Talente unabhängig von ihrer Herkunft auch den Weg in die Auswahlverfahren hineinfinden. Hier haben wir ein breites Bündel an Maßnahmen ergriffen: Seit 2011 gibt es neben den etablierten Vorschlagswegen die Möglichkeit zur Selbstbewerbung. Wir kooperieren mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, die mit besonders begabten, oft soziokulturell benachteiligten Jugendlichen arbeiten, und haben ihnen Vorschlagsrechte gegeben. Wir sensibilisieren Multiplikatoren an Schulen, auf Potenziale zu schauen – also Leistungen im Kontext bislang erlebter Förderung zu bewerten. Und wir betreiben ein breites Botschafter-Programm über unsere Geförderten und Alumni – mit Aktivitäten an Schulen, Hochschulen und Messen.

Was zeigen die Zahlen – insbesondere zu Erstakademikern?

Wir sind zufrieden mit der Richtung – und mit einem stabilen Niveau: Rund 30 Prozent unserer Geförderten sind Erstakademiker. Sie werden in unseren Verfahren nicht benachteiligt; im Gegenteil, ihr Weg wird sichtbar gewürdigt. Ihr Anteil unter den Geförderten liegt über ihrem Anteil unter den leistungsstärksten Abiturienten – wir schließen also ein Potenzial-Gap. Bemerkenswert ist: Die rund 30 Prozent halten wir seit rund drei Jahrzehnten, obwohl der Anteil an Erstakademikern unter allen Studierenden in dieser Zeit um ein gutes Drittel gesunken ist.

Gilt die Quote für alle Bundesländer? Gibt es einen Ost-West-Unterschied?

Die Studienstiftung hat direkt nach dem Fall der Mauer und noch vor der Wiedervereinigung angefangen, den Zugang zur Förderung auch in Ostdeutschland zu etablieren, und für die letzten mindestens 15 Jahre können wir zeigen, dass Ostdeutsche in der Förderung nicht spezifisch unterrepräsentiert sind: Unter allen Bewerbungen und Aufnahmen entspricht der Anteil von Studierenden mit einer HZB, also einer Hochschulzugangsberechtigung aus den ostdeutschen Flächenländern, ihrem Anteil unter allen Studierenden – teils sind sie sogar leicht überrepräsentiert. Eine Schwäche sehen wir beim frühen Zugang: Schulen in ostdeutschen Flächenländern schlagen signifikant seltener vor – mit Ausnahmen wie etwa Sachsen. Das wird durch Vorschläge aus den Hochschulen und durch Selbstbewerbungen aus Ostdeutschland aber weitgehend kompensiert.

Gleichzeitig gilt: 20 Prozent der Bevölkerung sind in Ostdeutschland geboren, 15 Prozent leben in einem ostdeutschen Flächenland, aber nur rund 9 Prozent der Studierenden haben ihre HZB dort erworben – Tendenz rückläufig. Für eine angemessene Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen müssen alle Stufen der Bildungskette in den Blick genommen werden. Wir als Studienstiftung investieren bewusst in Präsenz auf Schülermessen in Ostdeutschland, damit das Wissen um die Stipendien- und Studienmöglichkeiten in diesen Regionen noch stärker verbreitet wird. In unseren Auswahlverfahren sind ostdeutsche Bewerberinnen und Bewerber im Übrigen überdurchschnittlich erfolgreich.

In Ostdeutschland ist jüngst die „Initiative Studienstiftung des Ostens“ gestartet. Es braucht offenbar doch mehr Engagement.

Die Idee kam aus der Mitte unserer Geförderten – aus biografischer Erfahrung und dem Befund geringer Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen. Wir begrüßen die Aufmerksamkeit für das Thema. Unser Ansatz bleibt allerdings: Integration statt Parzellierung. Wir sind keine „Studienstiftung des Westens“ und wollen es nicht werden. Unser Ziel ist, ostdeutsche Talente in der Studienstiftung zu fördern – und sie nicht in neue Teilsegmente umzulenken.

AfD und BSW haben nach Umfragen durchaus Zustimmung bei jüngeren Menschen. Was bedeutet das für Auswahl und Alltag?

Diese Entwicklung zwingt zu Klärungen von Sachverhalten, die lange als selbstverständlich galten. Wir haben zwei Schritte unternommen: Wir haben Leitlinien zur Debattenkultur festgelegt: Wie reden wir miteinander? Wo liegen rote Linien in einem Raum, der die Pluralität von Wertorientierungen schützt? Außerdem haben wir vor rund zweieinhalb Jahren unsere Satzung geändert. Aufnahme und Förderung erfolgen unabhängig von politischen, weltanschaulichen, konfessionellen Überzeugungen – es sei denn, und dies haben wir nun explizit so verankert, eine Person bekämpft die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Das adressiert Extrem- und Ausnahmefälle, etwa die Mitgliedschaft in vom BVerfG als extremistisch eingestuften Organisationen oder in verbotenen Vereinigungen.

In unseren Auswahlverfahren bewerten Kommissionen nicht politische Positionen, sondern Begründungstiefe, Differenziertheit und Offenheit, auch für andere Blickwinkel und Perspektiven. In der Förderung erleben wir Verunsicherung – insbesondere bei Geförderten, die nicht „mehrheitsdeutsch“ wahrgenommen werden oder sich in Feldern wie Flucht oder Klima engagieren. Wir stärken ihnen den Rücken, bieten Netzwerke und Formate für differenzierte Gespräche.

Gemeinsam mit den anderen Begabtenförderungswerken haben Sie eine Wertebasis formuliert. Wozu dient sie?

Vor allem als Signal: Die Begabtenförderungswerke sind plural – weltanschaulich unterschiedlich, politisch breit. Und doch gibt es Gemeinsames: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, das Bekenntnis zu den Verbrechen des Nationalsozialismus, Wissenschaft und ihre Freiheit, konstruktiver Dialog. Die Wertebasis ist ein Orientierungsrahmen, eine Einladung zur Gestaltung – und in gewissem Sinne ein Schutzraum. Zugleich bedürfen viele Begriffe, etwa Antisemitismus im Verhältnis zu Israelkritik, eines ständigen Dialogs, über manches wird auch intensiv gestritten. Konflikte sind also nicht zu vermeiden – aber wir sorgen für Rahmenbedingungen, in denen diese Konflikte respektvoll und regelgebunden ausgetragen werden.

Die Wissenschaft muss sparen. Wie wirkt sich das auf die Studienstiftung aus?

Zuletzt haben wir die Promotionsstipendien erhöht, um gegenüber tariflichen Stellen konkurrenzfähig zu bleiben – haushaltsneutral. Das hieß: höhere Sätze, dafür weniger Stipendien. Diesen Schritt sind die 13 Werke gemeinsam gegangen. Die Stipendienhöhe in der Studienförderung hängt am BAföG: Es wurde zwar deutlich erhöht, aber nicht im Takt der Lohnentwicklung und Inflation. Besonders schmerzlich ist für uns, dass die Auslandspauschalen seit 2006 unverändert sind – bei stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und Studiengebühren. Wir gleichen daher in der Auslandsförderung soziale Unterschiede punktuell über private Spenden aus, können dies aber in der Breite nicht leisten. Im Sinne des Gründungsversprechens – Talente unabhängig von Elterneinkommen zu fördern – wünsche ich mir hier eine bessere staatliche Ausstattung.

Wo sehen Sie die Studienstiftung in zehn Jahren?

Entscheidend für uns ist Zeitgenossenschaft, also die Fähigkeit, die sich wandelnden Rahmenbedingungen schnell in Auswahl und Förderung zu übersetzen, ohne dabei unsere Grundsätze zu verwässern. Dass Geförderte die Studienstiftung breit mitgestalten, hilft uns an vielen Stellen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zwingt uns, uns Themen und Problemen frühzeitig zu stellen. Darüber hinaus wünsche ich mir eine noch bessere Repräsentanz unterschiedlicher Gruppen, regional wie soziodemografisch. Und dass die Studienstiftung und der Mehrwert, den talentierte und engagierte junge Menschen stiften, breit gesellschaftlich gesehen und getragen werden.