Mercator Kolleg: Stipendiatin Maria Blöcher im Gespräch

Mercator-Kollegiatin Maria Blöcher (Mitte) mit zwei Absolventen bei der Bachelor-Feier des Nonprofit-Bildungsprogramm Kepler in Ruanda © Maria BlöcherMercator-Kollegiatin Maria Blöcher (Mitte) mit zwei Absolventen bei der Bachelor-Feier des Nonprofit-Bildungsprogramm Kepler in Ruanda © Maria Blöcher

Maria Blöcher hat von 2008 bis 2014 an der Universität Heidelberg Germanistik und Latein auf Lehramt studiert. Von Oktober 2012 bis Juni 2013 absolvierte sie ein Auslandsstudium am King’s College in London. 2016 bewarb sie sich erfolgreich um einen von 20 Plätzen im Mercator Kolleg für internationale Aufgaben. Während des 13-monatigen Programms arbeitet sie passend zu einer selbstgewählten Fragestellung in drei verschiedenen Internationalen Organisationen sowie Non-Profit-Organisationen. Ihr Thema: Mobile und flexible Lehr- und Lernprogramme, die besonders Menschen auf der Flucht zu Gute kommen.

Frau Blöcher, ursprünglich haben Sie ja Germanistik und Latein auf Lehramt studiert. Das Mercator Kolleg wiederum steht für eine internationale Berufsorientierung. Wie kam es zu diesem beruflichen Perspektivwechsel?

Im Prinzip war der Schritt von der Lehramtslaufbahn hin in die internationale Entwicklungszusammenarbeit kein abrupter Wechsel, sondern eher ein fließender Übergang. Ich arbeite auch weiterhin im Bereich Bildung und greife sehr häufig auf meine Lehrerfahrungen an Schule und Universität zurück. Nach meinem ersten Staatsexamen habe ich am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg gelehrt und war nebenher in der Flüchtlingshilfe aktiv. Anstelle einer Promotion habe ich versucht, diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden. So bin ich zu meinem Praktikum beim Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in Genf und zu meinem Mercator-Thema „Hochschulbildung für Geflüchtete“ gekommen. Bereits bei UNHCR, wo ich in einem Programm mitgearbeitet habe, das Hochschulstipendien an Geflüchtete vergibt, ist mir deutlich geworden, wie wichtig mein Lehramtshintergrund ist. Schließlich habe ich mir während meines Studiums genau das Wissen angeeignet, welches ich nun brauche, wenn ich Curricula oder pädagogische Konzepte entwickele, die digitale Medien in den Unterricht integrieren. Damit bleibe ich dem Lehramt treu – nur eben auf konzeptioneller Ebene.

Wie sind Sie auf das Mercator Kolleg aufmerksam geworden?

Dass es das Programm gibt, wusste ich schon länger. Eine Bewerbung hingegen kam für mich nie in Frage, da ich Lehramtsabsolventen nicht für die Zielgruppe des Programms hielt. Auf einer Messe in Bonn zum Thema Internationale Entwicklungszusammenarbeit wollte es der Zufall, dass ich zu früh ankam und der einzige Stand, der bereits bespielt wurde, der Mercator-Kolleg-Stand war. Dort hat mich ein Alumnus des Programms zu einer Bewerbung ermutigt mit der Begründung, dass das Kolleg sich an Graduierte aller Fachrichtungen richte und es viel mehr um die Projektidee, die eigenen Erfahrungen und Zielsetzungen und um ehrenamtliches oder soziales Engagement ginge.

Was war schließlich ausschlaggebend dafür, dass Sie sich mit dem Thema Hochschulbildung für Geflüchtete für das Mercator Kolleg beworben haben?

Motiviert hat mich das fantastische Programm des Mercator Kollegs. Ausschlaggebend für die Bewerbung waren allein die ermutigenden Worte auf der Messe. Mein Thema kam dann ganz natürlich, da ich mich, wie gesagt, schon länger mit der Zusammenführung meiner beiden Interessensgebiete, Hochschulbildung und Flüchtlingsarbeit, beschäftigt hatte. Mit meinem fachlichen Hintergrund und mit meinen Interessen konnte es nur dieses eine Thema sein.

Sie haben es gerade schon angesprochen: Das absolvierte Fach spielt für eine Bewerbung im Mercator Kolleg keine Rolle, im Gegenteil: Gesucht sind Absolventen aller Disziplinen, die so ganz verschiedene Perspektiven für die vielfältigen Herausforderungen der internationalen Zusammenarbeit mitbringen. Was würden Sie Bewerbern raten, die nun aber, so wie Sie am Anfang, den Eindruck haben, sie würden mit ihrem Profil nicht in das Mercator Kolleg passen?

Ich bin  mit den recht „uninternationalen“ Fächern Germanistik und Latein das beste Beispiel dafür, dass es nicht das eine Profil gibt, das einen für eine Bewerbung qualifiziert. Was zählt, ist  die Projektidee und wie man selbst zu seinem Projekt steht. Es kommt also darauf an, was man bewirken möchte, wie man auf das Thema gekommen ist und was einen befähigt, dieses Projekt zu verfolgen.

Denjenigen, die sich für das Mercator-Programm interessieren, empfehle ich, sich mit dem eigenen Herzensthema zu bewerben. Die nötige Begeisterung und Motivation für ein Thema kommen dann am besten rüber, wenn man wirklich für die Sachte brennt. Darüber hinaus hilft einem diese intrinsische Motivation auch durch schwierigere Momente, die sich unweigerlich in dem Kollegjahr ergeben werden.

Eine von drei Arbeitsstationen führte Maria Blöcher nach Ruanda. Hier arbeitete Sie bei der NGO Kepler, die Personen auf der Flucht oder in Übergangssituationen wie Flüchtlingslagern den Zugang zu Hochschulbildung ermöglicht. Hier im Bild: Aussicht auf das Kiziba Refugee Camp in den Bergen Ruandas © Maria BlöcherEine von drei Arbeitsstationen führte Maria Blöcher nach Ruanda. Hier arbeitete Sie bei der NGO Kepler, die Personen auf der Flucht oder in Übergangssituationen wie Flüchtlingslagern den Zugang zu Hochschulbildung ermöglicht. Hier im Bild: Aussicht auf das Kiziba Refugee Camp in den Bergen Ruandas © Maria Blöcher

Worin besteht für Dich der Mehrwert des Programms?

Für mich kam das Kolleg an einem Wendepunkt meiner Zukunftsgestaltung und hat diese stark beeinflusst. Innerhalb eines Jahres habe ich nun eine Expertise in der internationalen Zusammenarbeit in Hinblick auf mein spezielles Thema gewonnen, für die ich ohne das Kolleg wesentlich länger gebraucht hätte. Dadurch, dass man unbegrenzte Möglichkeiten hat, sein Kollegjahr zu gestalten, konnte ich diejenigen Arbeitsstationen und Projekte wählen, die in meinem Bereich federführend sind. Der ganz deutliche Mehrwert besteht nun darin, dass ich nach diesem Jahr ganz andere Möglichkeiten habe als noch zuvor. Ich habe sozusagen im Schnellverfahren alle relevanten Erfahrungen gesammelt, die ich für diejenige Arbeit brauche, die ich machen will und zu der ich vor dem Jahr noch keinen direkten Zugang hatte.

Du hast drei verschiedenen Arbeitsstationen absolviert, etwa bei der GIZ in Jordanien oder der Nichtregierungsorganisation Kepler in Ruanda – was waren hier Deine eindrücklichsten Erfahrungen?

Insgesamt hatte ich das große Glück, dass ich sehr eng an meinem Kolleg-Thema arbeiten konnte. Ich habe direkt während der ersten Stage bei Kepler in Ruanda eine Organisation kennengelernt, die eins zu eins meine Projektidee umsetzt: Nämlich Personen auf der Flucht oder in Übergangssituationen wie Flüchtlingslagern den Zugang zu Hochschulbildung mithilfe digitaler Technologien zu ermöglichen. Das hat mich enorm begeistert, da ich zwischenzeitlich an der Umsetzbarkeit einer „University-in-a-box“ gezweifelt habe. Ich hatte bereits bei UNHCR die verschiedenen Stakeholder, die auf dem Gebiet der Hochschulbildung für Geflüchtete aktiv sind, kennengelernt und konnte dank des Mercator Kollegs bei einigen von ihnen hinter die Kulissen schauen. Zu sehen, welche Potenziale und Möglichkeiten die Digitalisierung im Bildungsbereich hat, war für mich die eindrücklichste Erfahrung. Man muss sich ein Flüchtlingslager in den Bergen Ruandas vorstellen – abgeschieden von der nächsten Stadt, ohne Strom und fließend Wasser. Dort hat eine kleine amerikanisch-ruandische NGO in einer Lehmhütte mithilfe von Solarzellen, Internetanschluss und Computern eine Universität errichtet. Täglich fährt ein Team von Lehrern nun aus dem eine Autostunde entfernten Kibuye in das Camp und unterrichtet die 46 Studierenden. Und obwohl diese Studierenden noch niemals Kibuye geschweige denn Ruanda verlassen haben, sprechen sie nach einem Jahr fließend Englisch und schneiden in Klausurergebnissen besser ab als Studierende in den USA, die am selben Programm teilnehmen. Eindrücklicher geht es nicht. Ich habe gelernt, dass man Veränderungen wie die der Digitalisierung nicht ausschließlich als Bedrohung empfinden, sondern deren Möglichkeiten und Potenziale ausloten und ausschöpfen sollte.

Das Kollegjahr endet im Herbst 2017 – welche Pläne hast Du für die Zeit danach?

Gerade bewerbe ich mich fleißig. Im Idealfall arbeite ich auch in Zukunft zu im Kontext Flucht, Bildung und Digitalisierung. Dank Mercator sollte das nun ohne Probleme möglich sein.

Stand: August 2017