Tuna Kaptan: „Es herrscht eine wissbegierige Atmosphäre mit viel Leidenschaft für Diskussionen“

Tuna Kaptan, Stipendiat der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und Teilnehmer einer Arbeitsgruppe auf dem Kolleg Europa, über eine Menge neuer Kontakte und Eindrücke aus den Gesprächen und von den Orten, an denen das Kolleg stattgefunden hat.

Steckbrief

  • Geboren 1985 in München
  • Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München (Regie, Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik)
  • Freiberuflicher Regisseur, Drehbuchautor und Produzent
  • Kolleg Europa II: Europa offen denken
  • Arbeitsgruppe 1 „Wie offen sind Europas Grenzen? Migration und Flucht aus rechtlicher Perspektive“

Herr Kaptan, warum haben Sie sich für das Kolleg beworben?

Ich beschäftige mich intensiv mit europäischen Fragestellungen, vor allem mit Fragen der Migration und Integration. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung habe ich an dem Dokumentarfilm Schildkröten Panzer gearbeitet, Darin geht es um eine Syrerin, die mir ihrer Schildkröte bis nach Deutschland geflohen ist. Ihren Mann musste sie zurücklassen, jetzt ist er tot, und Schildkröte Ayshe die einzige Verbindung in ihr altes Leben. In Deutschland wurde der Frau ihr Tier weggenommen. Die inhaltliche Ausrichtung des Kollegs und die interdisziplinäre Zusammensetzung haben mir sehr zugesagt und ich habe mir prägende Impulse für meine Arbeit erhofft.

Mit welchem Thema haben Sie sich in Ihrer Arbeitsgruppe beschäftigt?

In der AG 1 „Wie offen sind Europas Grenzen? Migration und Flucht aus rechtlicher Perspektive“, geleitet von Dr. Timo Tohidipur (Institut für Öffentliches Recht, Universität Frankfurt/Main) und Maximilian Pichl (Nachwuchsforschungsgruppe Transformation der Europäischen Migrationspolitik in der Krise, Universität Kassel), haben wir uns mit den vielgestaltigen Rechtsgrundlagen von Migration in der Europäischen Union beschäftigt, auch in ihrer politologischen und soziologischen Dimension. Hier habe ich auch Fragen des Ausnahme- beziehungsweise Transitzustands von Flüchtlingen im Spätsommer 2015 am Budapester Bahnhof wieder aufgegriffen.

Mein Kollege Mate Ugrin und ich waren damals vor Ort, haben die Situation filmisch festgehalten und eine Reihe von Geflüchteten interviewt. Auf der Kollegwoche in Paris haben wir das Material zu einem kurzen atmosphärischen Film verdichtet und montiert. Im Rahmen einer Abendveranstaltung, auf der Kollegiatinnen und Kollegiaten ihre aktuellen Projekte vorgestellt haben, haben wir den Film gezeigt. Die anschließende Diskussion und das persönliche ehrliche Feedback haben mich weitergebracht.

    Wie haben Ihnen die Abendveranstaltungen des Kollegs generell gefallen?

    Die Abendveranstaltungen waren eine große Bereicherung – an allen drei Orten des Kollegs. Ich bin mit vielen unterschiedlichen Kollegteilnehmerinnen und -teilnehmern ins Gespräch gekommen. Die Abende auf der Kollegwoche in Paris haben mir außerdem dabei geholfen, die innenpolitische Situation und scheinbare Führungsrolle Frankreichs innerhalb der Europäischen Union zu reflektieren.

    Wie würden Sie das Zusammenspiel zwischen der thematischen Auseinandersetzung in den Arbeitsgruppen und den Abendveranstaltungen generell beschreiben?

    In den Arbeitsgruppen hatte ich einen gewissen Tunnelblick, ich habe mich intensiv mit ein, zwei, spezifischen Themen beschäftigt und versucht, konkrete Antworten zu bestimmten Fragestellungen zu erhalten. Die Abendveranstaltungen öffnen den Blick dann noch einmal: Hier konnte ich die Ziele, Inhalte und Methoden aus den Arbeitsgruppen kontextualisieren, diskutieren und erweitern, sowohl mit den Kollegiatinnen und Kollegiaten als auch den Expertinnen und Experten, die wir zu verschiedenen Anlässen getroffen haben. Es gab ja ganz unterschiedliche Formate, von Abendvorträgen über Podiumsdiskussionen bis hin zu eigenen Präsentationsrunden – und natürlich das sogenannte aktuelle politische Forum: Es findet an einem Abend in jeder Kollegwoche statt und widmet sich der Kernfrage des Kollegs. Diskutiert werden im Plenum auf der Grundlage einer gemeinsamen Lektüre aktuelle politische Ereignisse und Entwicklungen.

    Inwiefern hat das Kolleg mit den verschiedenen Orten, an denen es stattgefunden hat, Ihre Sicht auf Europa und aktuelle europäische Herausforderungen geändert oder geprägt?

    Gerade die relativ neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten bereichern die Sicht auf Europa enorm. Sie haben eine gänzlich andere Geschichte als etwa die Gründungsstaaten und befinden sich in teilweise sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen Situationen. Auf der Kollegwoche in Frankfurt/Oder bzw. Słubice/Polen habe ich mich mit einem polnischen Restaurantbesitzer unterhalten, der türkische Gerichte anbietet. Er erklärte mir, warum seiner Meinung nach der Döner Kebab, ein ursprünglich türkisches Gericht, als mittlerweile europäisiertes Gericht wunderbar nach Polen passt. Der Imbiss trägt den Namen „Arkadasz“, Türkisch für „Freund“, allerdings in einer polnischen Schreibweise. Es sind manchmal die kleine Dinge, die einem ein Gefühl für die größeren Zusammenhänge geben.

    Wie würden Sie die Stimmung auf dem Kolleg beschreiben?

    Es herrscht eine wissbegierige Atmosphäre mit viel Leidenschaft für Diskussionen. Wir haben uns aber nicht nur in den Arbeitsgruppen oder bei den Abendveranstaltungen ausgetauscht, sondern eigentlich überall, ständig. Beim Frühstück, in der Kaffeepause, abends nach dem offiziellen Programmschluss. Das waren gute Gespräche!

    Was nehmen Sie mit vom Kolleg?

    Eine Menge neuer Kontakte und Eindrücke aus den Gesprächen und von den Orten, an denen das Kolleg stattgefunden hat, neue Impulse für die Arbeit an meinen Projekten und schöne Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse. 

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