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Stamatia Devetzi: „Eine Prise Optimismus für die Zukunft Europas“

Stamatia Devetzi, Professorin und Leiterin einer Arbeitsgruppe auf dem Kolleg Europa, über interessante Begegnungen, Diskussionen, Fragen und Anregungen – und eine Prise Optimismus für die Zukunft Europas.

Steckbrief

  • Geboren 1971 in Alexandroupolis, Griechenland
  • Studium der Rechtswissenschaften in Athen, Rom und Osnabrück
  • Professorin für Sozialrecht an der Hochschule Fulda
  • Kolleg: Europa offen denken (Kolleg Europa II)
  • Leiterin der Arbeitsgruppe 2 „Wie wollen wir arbeiten in Europa? (Binnen-)Migration, Arbeit und Sozialsysteme“, zusammen mit Gudrun Hentges, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln

Frau Devetzi, was hat Sie motiviert, sich als Dozentin in das Kolleg einzubringen?

Die Idee, dass Studierende und Dozierende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen, um über Fächergrenzen hinweg an einem gemeinsamen Thema zu arbeiten, finde ich sehr wichtig, nicht zuletzt auch aufgrund meiner eigenen interdisziplinären Erfahrungen. Ausgesprochen fruchtbar ist die Möglichkeit, sich innerhalb der Kollegwoche intensiv Fragen und Themen widmen zu können, die nicht direkt mit den akademischen Alltagserwartungen und -routinen zu tun haben: Es gibt keine „Leistungsnachweise“, keine Prüfungen – man arbeitet vielmehr gemeinsam an einem Thema, weil man das einfach spannend findet und mehr darüber erfahren möchte. Derartige Arbeits- und Lernformen haben im immer formaler und hektischer werdenden Studium leider nur selten Platz.

Was war für Sie besonders spannend oder herausfordernd an der Zusammenarbeit im Kolleg?

Das Spannende und zugleich Herausfordernde ist die gleichzeitige Interdisziplinarität und Internationalität der Gruppen: Die gemeinsame „Sprache“ und Problemfokussierung kann man nicht voraussetzen, man muss sie sich erst zusammen erarbeiten.

Prof. Dr. Stamatia Devetzi © Privat

Was war Ihr persönliches Highlight auf dem Kolleg?

Die Idee, die erste Kollegwoche in Frankfurt/Oder und Słubice/Polen durchzuführen, hat mir sehr gut gefallen. Man befindet sich dort an einer auch historisch sehr wichtigen europäischen Grenze und kann das heute „offene Europa“ hautnah erleben.

Mit welchem Thema haben Sie sich in Ihrer Arbeitsgruppe beschäftigt?

Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie wir in Zukunft in Europa arbeiten wollen. Denn die Art und Weise, wie wir arbeiten und Arbeitsprozesse gestalten, wandelt sich. Die damit einhergehenden strukturellen Herausforderungen werden verstärkt vom Bedarfsprofil des Arbeitsmarktes, der räumlichen Konzentration von Arbeitsmöglichkeiten und der demografischen Entwicklung. Gewarnt wird immer wieder vor einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft; und zugleich fehlen junge und qualifizierte Fachkräfte.

Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt in Europa?

Diese Gesamtkonstellation führt zu arbeitsmarktbedingten Bewegungen innerhalb des europäischen Binnenmarktes und zu arbeitsmarktbezogener Zuwanderung aus Drittstaaten. Auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene stellen diese Bewegungen besondere Herausforderungen für die Gestaltung der Rahmenbedingungen, die gesellschaftliche Integration und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt dar. Daraus ergeben sich unter anderem Fragen nach dem Zugang zu (nationalen) sozialen Sicherungssystemen, nach dem Verhältnis von nationalen und europäischen Regelungen, nach den langfristigen gesellschaftlichen und kulturellen Folgen sowie nach dem strukturellen Wandel von Arbeit.

Was nehmen Sie mit vom Kolleg?

Sehr viele interessante Begegnungen, Diskussionen, Fragen und Anregungen – und eine Prise Optimismus für die Zukunft Europas.

Welche Rolle spielt das Leitthema des Kollegs – „Europa offen denken“ – für Ihre Arbeit?

Ich bin Professorin für Sozialrecht an der Hochschule Fulda. Studiert habe ich in Athen, Rom und Osnabrück. Nicht nur mein bisheriger Weg war ein europäischer. Auch in meiner Forschung verfolge ich europabezogene Fragen: Ein Schwerpunkt meiner Arbeiten ist das Europäische Sozialrecht. Tatsächlich interessiere ich mich ganz zentral und direkt für Fragen eines „offenen Europa“.

Und was macht für Sie ein offenes Europa konkret aus?

Ein Ort der Freiheit und der Mobilität. Und zwar Mobilität nicht nur von Arbeitnehmern oder Erwerbstätigen, sondern von allen Unionsbürgern. Diese Unionsbürger-Freizügigkeit wurde in letzter Zeit – nach einigen Urteilen des Europäischen Gerichtshofs, die zumindest für mich überraschend waren – etwas in Frage gestellt, besonders, was die Inanspruchnahme von sozialen Leistungen betrifft. Die Unionsbürger-Freizügigkeit sollte aber für alle Unionsbürger da sein, ohne die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Personen in den Vordergrund zu stellen. Hier erkenne ich sowohl in der Rechtsprechung als auch in manchen politischen Entwicklungen und Forderungen die Gefahr eines Rückschritts.

Was wünschen Sie sich für Europa?

Ich glaube, wir sollten die Freiheiten in Europa mehr schätzen! Wir halten heute Dinge für selbstverständlich, die es bis vor wenigen Jahre nicht waren – etwa in einen anderen EU-Staat gehen zu können, um zu studieren, zu leben oder zu arbeiten. Diese Rechte sind das Ergebnis eines längeren und in gewisser Weise unwahrscheinlichen Prozesses. Zu leicht vergessen wir, dass die Generation unserer Großeltern und zum Teil sogar noch unsere Eltern höchstens von ihnen träumen konnten. Ich selbst gehöre zu den ersten Generationen, die am Erasmus-Programm teilgenommen haben. Was heute gang und gäbe ist, war Anfang der 1990er Jahre ein großer Schritt in eine neue Welt des Austausches, des Kennenlernens und des gemeinsamen Lernens von Studenten und Hochschullehrern aus ganz Europa. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mein Erasmus-Aufenthalt in Rom meine gesamte akademische Laufbahn entscheidend beeinflusst hat – die Frage nach dem „Sozialen Europa“ begegnete mir dort zum ersten Mal, sie hat mich fortan begleitet und motiviert.

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