Carolin Debray: „Komplexität eines offenen, gemeinschaftlichen Europas hat für mich an Nuancen gewonnen“

Carolin Debray, Stipendiatin der Studienstiftung und Teilnehmerin einer Arbeitsgruppe auf dem Kolleg Europa, über gute Erinnerungen, neues Wissen, neue Kontakte und vor allem Hoffnung für Europa!

Steckbrief

  • Geboren 1987 in Arnsberg
  • Studium in Berlin, Damaskus und Coventry in Regionalstudien Asien/Afrika, Arabisch und Interkultureller Kommunikation
  • Promotion in interkultureller Kommunikation an der University of Warwick zum Thema "Building relationships in intercultural teams"
  • Seit September 2018 als Senior Teaching Fellow an der University of Warwick
  • Kolleg Europa II: Europa offen denken
  • Arbeitsgruppe 3 „Wie wandeln sich die Kulturen in Europa? Mobilität, Mobilisierung und transnationale Praktiken“

Frau Debray, warum haben Sie sich für das Kolleg Europa beworben?

Ich promoviere in interkultureller Kommunikation an der University of Warwick in Großbritannien. Die Frage, wie wir in Europa miteinander leben, arbeiten und kommunizieren, ist daher etwas was mich tagtäglich in meiner Forschung beschäftigt. Mit Leuten aus ganz Europa darüber nachzudenken, wie wir Europa ‘offen denken’ können war für mich in Anbetracht der politischen Diskussionen in der UK um den Verbleib in der EU besonders spannend. Das Kolleg war also eine Chance, mich mit Fragen auseinanderzusetzen, die meine eigene Forschung ergänzen, aber mir vor allem auch neue Blickwinkel eröffnen und mich politisch interessieren.

Mit welchem Thema haben Sie sich in Ihrer Arbeitsgruppe beschäftigt?

In der Arbeitsgruppe 3 „Wie wandeln sich die Kulturen in Europa? Mobilität, Mobilisierung und transnationale Praktiken“, geleitet von Professor Heidrun Friese (Interkulturelle Kommunikation TU Chemnitz), haben wir vor allem mit ethnographischen Methoden gearbeitet, also zum Beispiel mit systematischen Beobachtungen und Interviews. Diese haben wir durch historische Recherchen ergänzt. Unsere Leitfragen waren in vielerlei Hinsicht sehr grundsätzlicher Natur wie etwa: „Was ist überhaupt kultureller Wandel?“, „Was genau wandelt sich eigentlich?“.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben uns zunächst mit konkreten kulturellen Objekten wie Denkmälern, Brücken und Straßennamen auseinandergesetzt und uns den Bedeutungswandel über längere Zeiträume als Zeichen kultureller Veränderung angeschaut. Derart „fixierte Objekte“ haben wir bewusst ausgewählt, da wir uns mit dem Spannungsfeld von Wandel und Fixierung beschäftigen wollten. Ebenso interessiert waren wir daran, wie Menschen diese Erinnerungsräume nutzen und immer wieder neu gestalten. Davon ausgehend haben wir uns im Anschluss mit der Kontextualisierung und Re-Kontextualisierung von bewegten Objekten wie Souvenirs oder Museumsausstellungsstücken beschäftigt, um zu sehen, aus welcher Perspektive „fremde“ Realität konstruiert wird und wie sich so die Bedeutung der Gegenstände verändert.

Zu welchen Erkenntnissen und Ergebnissen sind Sie gelangt?

Das Thema „kultureller Wandel“ ist ja gerade in Europa durch Debatten über „Flüchtlingsströme“ und „Überfremdung“ sehr aktuell. Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, dass sich Kultur stetig wandelt – und meistens hat das gar nichts mit Immigration zu tun. Die Prozesse, die wir gefunden haben, sind vielschichtig und haben oft politische, erkenntnistheoretische oder technologische Gründe.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Wir haben uns besonders mit dem Versuch der kulturellen Fixierung beschäftigt, der zum Beispiel Denkmäler betrifft, die eine bestimmte Form der Erinnerungskultur festhalten sollen. Dabei haben wir immer wieder festgestellt, dass die Bedeutung und die Nutzung der Denkmäler sich beständig ändern – bis hin zu einer völligen Umdeutung. Ein gutes Beispiel ist der Memento-Park in Budapest, in dem zahlreiche alte Sowjet-Statuen aus ganz Ungarn zusammengetragen wurden. Gedacht waren diese Statuen mal, um einen sozialistischen Geist zu beschwören, heute jedoch dienen sie als Freizeitpark-ähnliche Instagram-Kulisse. 

In welchem Verhältnis stehen die Erkenntnisse aus der Arbeitsgruppe zum Oberthema „Europa offen denken“ – und umgekehrt?

Als Hindernis für ein offenes, enger verbundenes Europa gelten ja manchmal die angeblich so verschiedenen Kulturen innerhalb Europas. Sich mit dem Wandel von Kultur auseinanderzusetzen ist in diesem Zusammenhang interessant, weil man sich damit vor Augen führt, wie wandelbar vermeintlich fixe kulturelle Unterschiede sein können.

Wie würden Sie die Zusammenarbeit in der Arbeitsgruppe beschreiben?

Meine Arbeitsgruppe war sehr interdisziplinär und international besetzt. Von einem interkulturellen Blickwinkel aus war es auf der einen Seite sehr spannend, verschiedene Perspektiven kennenzulernen, auf der anderen Seite aber auch faszinierend zu sehen, wie nah unsere Ansätze, Herangehensweisen und Verständnisse oft beieinanderlagen. Das hat mir nochmals vor Augen geführt, wie eng Europa zusammengerückt ist. Die Zusammensetzung unserer Arbeitsgruppe war in jeder Hinsicht eine Bereicherung und hat unsere Gruppe sowohl methodisch als auch inhaltlich interessanter gemacht. 

Inwiefern hat das Kolleg mit den verschiedenen Orten, an denen es stattgefunden hat, Ihre Sicht auf Europa und aktuelle europäische Herausforderungen geändert oder geprägt?

Das Kolleg hat in Frankfurt/Oder beziehungsweise Słubice/Polen, Budapest, Paris und Berlin stattgefunden. Obwohl mir das natürlich auf eine Art vorher bewusst war, ist mir durch die einzelnen Kollegphasen nochmal eindrücklich klar geworden, wie unterschiedlich die Herausforderungen doch sind, vor denen die einzelnen EU-Staaten stehen. Die Komplexität eines offenen, gemeinschaftlichen Europas hat so für mich an Nuancen gewonnen.

Was war Ihr persönliches Highlight auf dem Kolleg?

Mein persönliches Highlight war eine Podiumsdiskussion an der Andrássy Universität in Budapest. Hier haben wir über die Position Ungarns in der Flüchtlings- und EU-Politik diskutiert. Beteiligt waren vor allem Journalistinnen und Journalisten verschiedener europäischer Medien. Die Diskussion war außerordentlich kontrovers aufgrund der teilweise extremen politischen Ansichten einiger Podiumsteilnehmer. Zugleich war die Diskussion mit Blick auf Inhalte und Formen politischer Auseinandersetzungen sehr lehrreich, denn sie hat im Nachhinein für interessante Reflexionen und intensive Debatten innerhalb des Kollegs über den richtigen Umgang mit rechtsextremen Ansichten und Argumenten angeregt. Zugleich war ich tief beeindruckt von der Leidenschaft und Eloquenz mit der die gesamte Kolleggruppe ihre Werte der Offenheit verteidigt hat.

Was nehmen Sie vom Kolleg mit?

Gute Erinnerungen, neues Wissen, neue Kontakte und vor allem Hoffnung für Europa!

Zudem die Erkenntnis, dass nicht allein die interkulturelle Kommunikation versucht, bestimmte Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwickeln, sondern dass zum Beispiel Städteplaner genauso über den zwischenmenschlichen Austausch nachdenken, wenn auch auf ganz andere Weise. Dies hat mir – mehr als bisher – das Gefühl gegeben, einer Wissenschaftscommunity anzugehören, die auf die gleichen Ziele hinarbeitet in der wir viel mehr fächerübergreifenden Austausch brauchen.

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