Background Image
Previous Page  51 / 324 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 51 / 324 Next Page
Page Background

Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelt sich in den Wissenschaften ein neues Verständ-

nis von „Natur“, in dem erstmals ökologische Modelle herausgebildet werden. Gleichzeitig

entsteht eine Literatur, in der die Voraussetzungen, Implikationen und Folgen dieser neuen

Sichtweise verhandelt und in kulturgeschichtlich bestimmten Narrativen oder in fiktionalen

Gedankenexperimenten durchgespielt werden. Dabei sind es oft dieselben Personen, die ei-

nerseits als Naturwissenschaftler, andererseits als literarische Autoren hervortreten – unter

ihnen Carl von Linné, Albrecht von Haller und Georg Christoph Lichtenberg.

Mit der zunehmenden Einsicht in die Offenheit natürlicher Prozesse, die schließlich in Dar-

wins Evolutionstheorie kulminieren wird, mit der Einsicht auch in die Möglichkeit einer men-

schengemachten Zerstörung der Natur, die globale Ausmaße annehmen könnte, gewinnen

diese literarischen Schreibverfahren zunehmend an Bedeutung und Umfang. Längst vor

der industriellen Revolution werden dabei im Medium der Literatur unterschiedliche Vermitt-

lungsmöglichkeiten zwischen Naturwissenschaften, Naturphilosophie, Theologie und Poe-

sie erprobt – in Texten, die bis heute nicht an Relevanz und Reiz verloren haben. Das gilt

etwa für Werke Goethes und der Romantiker, in der folgenden Generation dann für neue

Formen der Naturdichtung zum Beispiel bei Annette von Droste-Hülshoff, in der beginnen-

den industriellen Revolution schließlich bei Charles Dickens, Wilhelm Raabe, Mark Twain,

Guy de Maupassant, Henrik Ibsen und anderen.

Dieser lange und produktive Dialog der Disziplinen und Denkformen lässt sich als ein Mus-

terfall der Beziehungen zwischen Literatur- und Wissensgeschichte verstehen, dem in der

Arbeitsgruppe nachgegangen werden soll.

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Detering

Professur für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft,

Universität Göttingen

Prof. Dr. Roland Borgards

Professur für Neuere deutsche Literaturgeschichte, Universität Würzburg

Studierende der Geisteswissenschaften, der Gesundheitswissenschaften und

Humanmedizin sowie der Naturwissenschaften und Mathematik, besonders der

Bio- und Umweltwissenschaften

Arbeitsgruppe

6

Ökologie und Literatur – von der Aufklärung bis ins

19. Jahrhundert

Akademien

Akademie La Colle-sur-Loup

51