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Prof. Dr. Klaus van Eickels

Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte, Universität Bamberg

Arbeitsgruppe

4

Das gleichgeschlechtliche Begehren und die Grenzen

des Erlaubten – mann-männliche Bindungen und

homosexuelles Verhalten in Kulturgeschichte und

Kulturvergleich

Die Frage der Erlaubtheit homosexuellen Verhaltens ist von hoher aktueller Bedeutung. In

der Wertehierarchie der Diskriminierungsverbote westlicher Gesellschaften steht sexuelle

Orientierung inzwischen auf einer Stufe mit Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Herkunft und

Religion. Toleranz und Gleichberechtigung für homosexuelle Männer und Frauen ist gera-

dezu zum Gradmesser individueller Freiheit und der Respektierung der Menschenrechte in

einer Gesellschaft geworden. In Osteuropa, in der islamischen Welt und in Afrika dagegen

gilt die Ablehnung jeder Form homosexuellen Verhaltens heute in bewusster Abgrenzung

zum vermeintlich dekadenten Westen als Inbegriff des Festhaltens an eigenen kulturellen

Werten.

Durch eine kulturgeschichtliche und kulturvergleichende Betrachtung der Wahrnehmung

und Normierung mann-männlicher Bindungen und homosexuellen Verhaltens unter Män-

nern wollen wir uns im Laufe der vier Tagungen des Kollegs vor Augen führen, wie sich die

Wahrnehmung gleichgeschlechtlichen Begehrens und homosexueller Handlungen in der

westlichen Tradition von der griechisch-römischen Antike über die jüdische und christliche

Tradition des Mittelalters entwickelte und welche Umbrüche sich im späten 19. und im Ver-

lauf des 20. Jahrhunderts in den westlichen Ländern vollzogen, bevor wir einen vergleichen-

den Blick auf die Entwicklungen in der islamischen Welt und in Afrika werfen.

Im historischen Rückblick und im Kulturvergleich wird deutlich werden, dass die Grenzen

des Erlaubten entscheidend abhängen von den Wandlungen in der Wahrnehmung des sexu-

ellen Begehrens. Ebenso wird sich zeigen, dass die Ablehnung und Tabuisierung sexueller

Kontakte zwischen Männern in vielen Kulturen stark korreliert mit der Intensität und Akzep-

tanz homosozialer wie homoaffektiver Bindungen unter Männern und ihrer Bedeutung für

den sozialen und politischen Zusammenhalt der Gesellschaft.

Kollegs

Geisteswissenschaftliches Kolleg VII

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