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Arbeitsgruppe

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Die zwei Gesichter der Demokratie: konflikt­

soziologische und demokratietheoretische Perspek­

tiven auf die Hegung und Entstehung von Massengewalt

Demokratien gelten als politische Ordnungen, die eher als andere in der Lage sind, einen

Ausgleich zwischen widerstreitenden gesellschaftlichen Interessen herzustellen und eine

Koexistenz unterschiedlicher kollektiver – beispielsweise religiöser oder ethnischer – Iden-

titäten zu ermöglichen. Dies hat sie sehr lange zu einem Schlüssel für Bemühungen werden

lassen, nach der Beendigung kollektiver Gewalt Bedingungen für einen nachhaltigen Frieden

herzustellen. Spätestens seit den 1990er Jahren mündeten internationale Versuche der Frie-

denskonsolidierung deshalb in erster Linie in den Aufbau demokratischer Institutionen.

Gleichzeitig wohnt der Demokratie allerdings auch ein spezifisches Potenzial zur Entstehung

und Eskalation kollektiver Gewalt inne, und genau dieses Potenzial lässt sie nur bedingt ge-

eignet erscheinen, vor einer Rückkehr des Kriegs zu schützen. Oft entstehen in der Mitte

von Demokratien Feindbilder, durch die bestimmte gesellschaftliche Gruppen als Gefahr für

den Zusammenhalt der politischen Gemeinschaft erscheinen. Von der Abwertung und Aus-

grenzung solcher Gruppen bis zu ihrer Verfolgung und Auslöschung ist es oft nur ein kurzer

Weg. Die Geschichte lehrt uns jedenfalls, dass Massengewalt sehr häufig auch in Demokra-

tien entstehen kann.

Vor dem Hintergrund dieses Doppelgesichts der Demokratie wollen wir in der Arbeitsgrup-

pe das Gewaltpotenzial, aber auch die Möglichkeiten von Demokratien diskutieren, vor dem

Ausbruch kollektiver Gewalt wirksam zu schützen. Veranschaulicht werden soll dies an aus-

gewählten Fällen von Massengewalt und anhand von Demokratisierungsprozessen in Nach-

kriegsgesellschaften nach dem Ende des Ost-West-Konflikts.

Prof. Dr. Thorsten Bonacker

Zentrum für Konfliktforschung, Universität Marburg

Prof. Dr. André Brodocz

Professur für Politische Theorie, Staatswissenschaftliche Fakultät, Universität Erfurt

Studierende der Geistes-, Rechts- und Sozialwissenschaften

Akademien

Akademie Ljubljana im Max Weber-Programm

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