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Arbeitsgruppe

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Liebeslyrik: Poetik und Politik

Das Dichten über die Liebe ist so alt wie die Literatur selbst: In der westlichen Tradition ist

es seit den Epen Homers nicht abgerissen, in denen eine Liebesaffäre den allerersten Welt-

krieg auslöst (

Ilias

) und sich die siegreichen Helden doch nach nichts mehr sehnen als nach

der Rückkehr zur Liebe daheim (

Odyssee

). Für die Literaturwissenschaft ist Liebesdichtung

besonders interessant, wenn sie über die emotionale Äußerung hinausgeht und ästhetische

wie politische Bedingungen reflektiert. Scheinbar authentische Literatur wird ambivalent,

wenn sich mit der harmlosen Intimität von Ich und Du poetologische und politische Fragen

verbinden: nach literarischer Traditionsstiftung und gruppenbewusster Positionierung, nach

Diskursethik und Grenzüberschreitung, nach Norm und Normbruch.

Kaum ein anderes Thema hat die Literatur so zur Reflexion angeregt wie die Liebe: Weil in

ihr über die Jahrhunderte ähnliche Motive und Konstellationen verwendet werden und wichti-

ge Werke (etwa Sapphos Lyrik, Ovids

Amores

, Petrarcas

Canzoniere

, Shakespeares Sonet-

te oder Goethes

Römische Elegien

) eine diachrone Gattungskohärenz stiften, eröffnen sich

Möglichkeiten von Imitation und Überbietung bis zu Traditionsabsage und Parodie. Bisweilen

erfordert Liebesdichtung Strategien der Polyphonie, des Verbergens oder Verschlüsselns,

etwa wenn eine nicht adäquate oder homoerotische Liebesbeziehung thematisiert wird. Bei

der Lektüre einschlägiger Texte von der Antike bis zur Gegenwart kann die Arbeitsgruppe

vielfältige Formen der Kohärenzstiftung und -brechung, der Diskurseinschreibung und -sub-

version verfolgen.

Da sich die Phänomene an Texten aller Literaturen beobachten lassen, bitten wir um Vor-

schläge, welche Texte zur Diskussion herangezogen werden sollen. Wir schlagen einige

Werke (u. a. die genannten) als Gerüst der Gattungsgeschichte vor, möchten diese aber er-

gänzen und freuen uns über Anregungen.

Dr. Erik Schilling

Institut für deutsche Philologie, LMU München

Dr. Nicolas Detering

Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literaturgeschichte, Universität Freiburg

Jakob Lenz

Seminar für Klassische Philologie, Universität Heidelberg

Studierende der Geisteswissenschaften

Akademien

2. bis 6. Semester

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6. bis 19. August 2017

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