Studienstiftung Jahresbericht 2012 - page 7

Vorwort des Präsidenten
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wird. Wer hätte nicht schon erlebt, dass wesentliche Anstöße für
die eigene Arbeit aus Erfahrungen resultieren, aus der Befassung
mit Themen oder der Lektüre von Büchern, die mit dieser Arbeit
auf den ersten Blick nicht das Geringste zu tun haben? Und wer
hätte damit nicht schon einmal erfahren, wie wichtig eine breite
allgemeine Bildungsgrundlage gerade im Hinblick auf die später
unvermeidliche berufliche Spezialisierung ist?
An unseren Hochschulen bieten wir eine (oft sehr gute) Ausbil-
dung. Ausbildung ist stets an einem Nutzen orientiert. Sie ent-
spricht den Bedürfnissen und dem Studienplan des „Brotge-
lehrten“, dem es, in den Worten von Schiller, „bei seinem Fleiß
einzig und allein darum zu tun ist, die Bedingungen zu erfüllen,
unter denen er zu einem Amte fähig und der Vorteile desselben
teilhaftig werden kann“. Anders der „philosophische Kopf“: Wäh-
rend der Brotgelehrte zu allem, was er unternimmt, Reiz und Auf-
munterung von außen her borgen muss, findet jener „in seinem
Gegenstand (…) selbst Reiz und Belohnung. Wieviel begeister-
ter kann er sein Werk angreifen, wieviel lebendiger wird sein Ei-
fer (…) sein, da bei ihm die Arbeit sich durch die Arbeit verjün-
get. Das Kleine selbst gewinnt Größe unter seiner schöpferischen
Hand, da er dabei immer das Große im Auge hat, dem es dienet,
wenn der Brotgelehrte in dem Großen selbst nur das Kleine sieht.“
Dem „philosophischen Kopf“ (ihn hat die Studienstiftung im
Auge) geht es nicht in erster Linie um Wissen, sondern um Ver-
ständnis; und Ausbildung ist für ihn Teil eines Bildungsweges.
Bildung ist nicht an einem Nutzen orientiert, sondern ein Wert
an sich (Peter Bieri). Konkrete Vorteile ergeben sich ganz unge-
plant und gleichsam nebenbei. Doch alles, was ein Mensch tut,
erhält dadurch ein charakteristisches Kolorit. Bildung hat zudem
mit Distanz zu tun: Distanz zu sich selbst, zu dem Umfeld, in dem
man tagtäglich lebt und tätig ist, Distanz auch zur eigenen Arbeit
und zum eigenen Studium. In diesem Sinne beginnt für Tho-
mas Mann Bildung „erst mit der Kenntnis, der Eroberung und
Durchdringung des ‚ganz anderen‘, der fremden Sprache, Kultur
und Geistesform und dem Heimischwerden in ihr“. Ein zentraler
Auftrag der Studienstiftung besteht darin, ihren Stipendiaten im
Rahmen der ideellen Förderung immer wieder derartige Dis-
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