Studienstiftung Jahresbericht 2012 - page 116

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Alumni, Förderer und Preisträger
„Austausch abseits touristischer Routine“ -
Stipendiaten und Alumni im interkulturellen Dialog mit Studenten in Tunis
Die Lobby eines Hotels in Tunis mit dezenten Sofas, hellem Steinboden – man erwartet
die typischen Geschäftsreisenden imAnzug. Stattdessen sitzt dort ein einbeiniger Mann,
das verbliebene Bein geschient, umgeben von seiner Familie. Die Gruppe stammt aus
Libyen – wer es sich leisten kann, lässt sich in Tunis behandeln.
Die Szene erinnert an die Gefahren, denen sich die nordafrikanische Zivilgesellschaft
aussetzte, um Bevormundung und Despotismus abzuschütteln. Diesen Aufbruch er-
fahrbar zu machen war die Motivation für den einwöchigen interkulturellen Austausch
zwischen insgesamt rund 30 Stipendiaten und tunesischen Studenten. Das zunächst pri-
vate Projekt des Alumnus Jan-Martin Lichte, der 2011 das revolutionierte Tunesien be-
reiste, wurde von sieben Alumni im September 2012 begleitet und durch die Studienstif-
tung, die Alumni-Regionalgruppe Köln-Bonn-Aachen sowie den DAAD unterstützt.
Würde dieser Austausch abseits touristischer Routine gelingen?Würden die Tunesier mit
uns diskutieren? Leichter als gedacht: Mit überwältigender Herzlichkeit begegnen sich
die Teilnehmer. Jeden Tag verbringen sie 15 Stunden gemeinsam in den Arbeitsgruppen
Gesellschaft, Demokratie und Religion, bei Exkursionen, in den Abendvorträgen unserer
Gastredner (vomPriester bis zumpolitischen Blogger) und abends auf der Hoteldachter-
rasse bei Gesprächen undMusik. Wir haben das Gefühl, uns schon ewig zu kennen.
Die diskutierten Themen werden persönlicher: heimlicher Alkoholkonsum, Schwie-
rigkeiten einen Partner kennenzulernen, wenn Annäherung in der Öffentlichkeit unter
Strafe steht. Neben vielem Erleben auf gleicher Wellenlänge und übereinstimmenden
staatstheoretischen Ansichten zeichnen sich in den Diskussionen auch wesentliche Un-
terschiede ab. Die Überzeugung vieler Tunesier, den Koran ausschließlich als direktes
Wort Gottes und nicht auch als kulturhistorisches Dokument anzusehen, kann kaum
einer der deutschen Teilnehmer nachvollziehen.
Die tunesischen Studenten zeichnen das Bild einer weitreichenden und fortdauernden
Umbruchsphase ihres Landes. Sie sind geprägt von tiefem Misstrauen gegenüber den
alten Funktionseliten in Politik und Verwaltung. Allein dem Bürger-Journalismus in
Blogs und sozialen Netzwerken wird unabhängige und verlässliche Berichterstattung
zugetraut. Daher betonen die Tunesier die politische Partizipation: sich einbringen,
wählen, wachsam sein. Der tunesische Frieden ist noch verwundbar.
Hella Riede (Regionalgruppe Mainz/Wiesbaden), Sabine Offermann (Regionalgruppe
Köln/Bonn/Aachen) und Justus Heck (Regionalgruppe Ostwestfalen-Lippe)
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