Engagementpreisträger 2025: Joseph Oertel, Sea-Watch e. V.
Zivile Seenotrettung: „Es ist wichtig, im Hier und Jetzt überlegt das zu tun, was in den eigenen Möglichkeiten steht. Bewirken können wir zum einen, dass einzelne Menschen gerettet werden können, und zum anderen, dass geltendes Recht umgesetzt wird.“
Zwei Flugzeuge mit einer Reichweite von 1.700 Kilometern stehen dem Airborne Department des 2015 gegründeten Vereins Sea-Watch e. V. zur Verfügung, um aus der Luft in Seenot geratene Boote mit Geflüchteten an Rettungsleitstellen oder -schiffe zu melden und aus der Luft zu unterstützen. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Vereinsarbeit ist die Aufklärung der europäischen Zivilgesellschaft über die Menschrechtsverletzungen auf dem Mittelmeer. Zu den Aufgaben des Airborne Department gehört daher auch, zu dokumentieren, wenn in Seenot geratene Menschen ertrinken oder die Boote durch Milizen aufgebracht und die Geflüchteten nach Nordafrika verschleppt werden.
Joseph Oertel studiert nach einem Bachelor in Politics, Administration & International Relations an der Universität Friedrichshafen und der Science Po in Reims seit 2021 Medizin, zunächst an der Universität Leipzig, seit 2024 an der Universität Freiburg. Seit 2018 ist der 26-Jährige Stipendiat der Studienstiftung und wurde zudem von Oktober 2023 bis März 2024 mit einem aus privaten Mitteln der Studienstiftung finanzierten Engagementstipendium gefördert.
Bei Sea-Watch e. V. engagiert er sich ehrenamtlich seit August 2022, zunächst als Schnellbootfahrer auf dem Rettungsschiff Sea-Watch 3 und anschließend als Einsatzleiter in der zivilen Luftaufklärung.
Interview mit Joseph Oertel
Lieber Herr Oertel, wofür engagieren Sie sich mit Sea-Watch?
Als ziviles Auge über dem Mittelmeer beobachten, dokumentieren und veröffentlichen wir das, was sonst ungesehen bleibt. Ziel der zivilen Luftaufklärung des 2015 gegründeten Vereins Sea-Watch e. V. ist es, Menschen auf der Flucht zu unterstützen, Menschenrechtsverletzungen auf dem Mittelmeer festzuhalten und die europäische Zivilgesellschaft über diese aufzuklären. Dafür fliegen wir abwechselnd mit zwei Flugzeugen mit einer Besatzung von drei bis fünf Personen fünf- bis achtstündige Einsätze. An manchen Tagen entdecken wir mehrere hundert Menschen in absolut seeuntauglichen Schlauch-, Holz-, Eisen- oder Plastikbooten auf dem Mittelmeer. In dem Moment, in dem wir Menschen in Seenot entdecken, haben wir eine Verantwortung für sie und melden die Boote an die Seenotrettungsleitungsstellen, die leider zu oft untätig bleiben, und an umliegende Schiffe. Für manche Menschen können wir nach mehreren Stunden Einsatz nicht viel mehr tun, als ihr Ertrinken oder ihre gewaltsame Verschleppung nach Libyen zu dokumentieren.
„Wenn ich die Erleichterung von Menschen sehe, die in Sicherheit ankommen, und den Schmerz von Menschen beobachte, wenn sie Angehörige auf der Flucht verloren haben, wenn ich Solidarität zwischen Menschen erlebe, dann treibt mich das in meinem Engagement an.“
Warum engagieren Sie sich? Was war Ihre bislang prägendste Erfahrung in Ihrem ehrenamtlichen Engagement?
Es gibt viele prägende Ereignisse, die Motivation geben, den Kampf gegen die Gewalt an Europas Grenzen nicht aufzugeben. Ich denke an die Müdigkeit und die Wut in den Gesichtern von Geflüchteten, wenn sie in Lampedusa ankommen und eine Reise überlebt haben, die sie nicht hätten überleben sollen, an Menschen, die Babys in die Luft strecken, um zu zeigen, dass sie würdig sind, gerettet zu werden, an Fischer, die stundenlang um Hilfe rufen, an einen Familienvater, der sich aus Verzweiflung vor meinen Augen an einem Baum erhängt hat, an libysche Milizen, die auf Menschen im Wasser schießen, an die Narben und Berichte von Geflüchteten über die Hölle, aus der sie geflohen sind, an den Mut von den Menschen auf der Flucht, der mich zwingt, auch ein bisschen mutiger zu sein, an die Sinnlosigkeit von Gewalt.
Was sind die nächsten Projektziele von Sea-Watch?
Trotz des zunehmenden politischen Gegenwindes bleibt ein wichtiges Projektziel, weiterhin Präsenz zu zeigen, das Mittelmeer zu beobachten und über Fluchtrouten und Menschenrechtsverletzungen aufzuklären. Dabei gibt es in Europa schon seit 2016 verschiedenste Versuche, unsere Einsätze zu beenden. Ein aktuelles Beispiel ist das italienische Gesetz Decreto Flussi, das von UNO-Menschenrechtsbeobachter:innen scharf kritisiert wird: Entweder Sea-Watch leistet allen Anweisungen der libyschen Milizen, die nachweislich in Folter, Gewalt und Menschenhandel involviert sind, Folge oder Italien konfisziert nach Geldstrafen in der letzten Instanz unsere Flugzeuge. Obwohl es sich ganz offensichtlich um unrechtmäßige Einschüchterungsversuche handelt, zieht jeder dieser Versuche endlose Strategiebesprechungen, Treffen mit Anwaltsfirmen und schwierige moralische Abwägungen mit sich. Unabhängig hiervon überlegen wir, ob und wie wir unsere Beobachtungsflüge auf weitere, für viele Menschen tödliche Fluchtrouten ausweiten.
Wie können Personen die Arbeit von Sea-Watch und explizit der zivilen Luftaufklärung unterstützen?
Unsere Kosten belaufen sich auf bis zu 8.000 Euro pro Flug. Jede Spende zählt, denn ohne die finanzielle Unterstützung aus der Zivilgesellschaft könnten wir nicht agieren. Wir sehen es als Pflicht unseres Gemeinwohls, Menschen in Not Schutz zu gewähren: Jedes Eintreten für diese Pflicht, sei es in Podiumsdiskussionen, auf Parteitagen und in Gesprächen, ist daher die größte Unterstützung, die wir uns erhoffen können, unabhängig davon, welche Partei Ihnen am nächsten ist.
Für seinen Einsatz zeichnet die Studienstiftung des deutschen Volkes Joseph Oertel als Engagementpreisträger 2025 aus.
Weitere Informationen, Kontakt und Spendenmöglichkeit
- Kontakt: Joseph Oertel, E-Mail: joseph(at)sea-watch(dot)org
- Spendenkonto: Kontoinhaber: Sea-Watch e. V., IBAN: DE63 4306 0967 1239 7690 03, BIC: GENODEM1GLS, Verwendungszweck: Unterstützungsaufruf Studienstiftung. Schreiben Sie bitte eine E-Mail an uns, wenn Sie eine Spendenbescheinigung wünschen. Eine Nachweispflicht via Spendenbescheinigung ist beim Finanzamt erst für Spenden ab 300 Euro nötig.
- Spendendose für die Studienstiftung: https://sea-watch.org/spendendosen/?cfd=entmn#cff
- Website: https://sea-watch.org/spenden/, https://sea-watch.org/news/
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Stand: Mai 2025

