Zukunftsakademie Cambridge 2019: „Wir müssen jetzt handeln bevor es zu spät ist"

Die Zukunftsakademie Cambridge ging 2019 in eine zweite Runde. Wieder standen wichtige Zukunftsfragen und -themen im Mittelpunkt. Die Stipendiatinnen Lena Benner und Merle Jungenkrüger waren dabei und beschäftigten sich mit der Frage: Welche Rolle spielt der Klimawandel?

What if
I stood still and wondered
I took a deep breath
What if
I had an impact
What if
This breath could change the world

Laut übereinstimmender Einschätzung der breiten Mehrheit der Klimawissenschaftler*innen, nachzulesen etwa im viel beachteten Sonderbericht 1,5 °C globale Erwärmung des Weltklimarats, ist es unbedingt notwendig, dass die Menschheit die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten begrenzt, um unabsehbare und unumkehrbare Folgen zu verhindern.

Seit dem sogenannten Jahrhundertsommer 2018 und der Entstehung der Bewegung „Fridays for Future“ ist Klimapolitik zwar immer weiter in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – trotzdem bewegt sich sowohl international als auch national politisch bei weitem nicht genug. Selbst wenn alle Länder ihre selbst gesteckten Ziele des Pariser Abkommens zum Klimaschutz einhalten, erwärmt sich unsere Erde um bis zu 2,8 Grad.

Dies wird schwerwiegende Folgen für unser aller Leben haben: die Meeresspiegel steigen, Wüsten breiten sich aus, die Polkappen schmelzen, Wasser wird in vielen Regionen knapp und immer mehr Menschen verlassen ihre Heimat, um diesen lebensfeindlichen Bedingungen zu entkommen.

Warum dies so ist, was wir dagegen tun können und was genau die Unsicherheiten der Klimaforschung bedeuten, damit haben wir uns eine Woche lang in der AG „Climate Change – Science and Society“ im Rahmen der „Zukunftsakademie“ an der Universität Cambridge, im St. John’s College, beschäftigt.

Intensiver, interdisziplinärer Austausch

Geleitet wurde unsere AG von Dr. rer. nat. habil. Georg Feulner, einem Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die Teilnehmenden stellten eine bunte Mischung unterschiedlichster Fachrichtungen dar, von Geographie über Linguistik, Psychologie, Biologie und Physik bis zu Textilmanagement, was die Diskussionen extrem bereichert hat. Die Themen der einzelnen Arbeitseinheiten waren breit gefächert: von den physikalischen Grundlagen der Klimaforschung und des Klimawandels über die rechtlichen Implikationen des Pariser Abkommens bis hin zur Kommunikation mit Klimaskeptiker*innen und den Gründen dafür, dass die Mehrheit der Menschen trotz besseren Wissens ihren Lebensstil nicht aktiv verändert.

Die einzelnen Themen wurden von den Teilnehmenden in Gruppenarbeit vorgestellt und im Anschluss intensiv diskutiert. Vor allem diese Diskussionen, und die unterschiedlichen Sichtweisen und Hintergrundinformationen, die wir durch unsere verschiedenen Fachkulturen einbringen konnten, waren sehr bereichernd und haben zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema und den Problematiken geführt. So zum Beispiel auch die Frage, ob eine effektive Verhinderung des Klimawandels in unserem jetzigen kapitalistischen System möglich ist.

Großer Tatendrang

Vor allem aber ist in uns ein großer Tatendrang entstanden – selbst zu handeln, andere Menschen zu informieren und die eigenen Handlungsmöglichkeiten bekannt zu machen. Deswegen werden wir im Anschluss an die Akademie einen „Climate Change Mitigation“-Flyer erstellen, mit Maßnahmen zur Veränderung des eigenen Lebensstils, um privat zum Klimaschutz beitragen zu können. Diese Flyer möchten wir in unseren Familien, Freundeskreisen und Universitäten verteilen, um möglichst vielen Menschen konkrete Ratschläge an die Hand zu geben, mit denen sie in ihrem ganz eigenen privaten Rahmen Einfluss nehmen können – denn das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, ist essenziell wichtig, um sich der Problematik zu öffnen und sie anzugehen.

Abgesehen von den spannenden Diskussionen innerhalb unserer AG war insbesondere auch der Austausch mit den Teilnehmenden der anderen AGs, Stipendiatinnen und Stipendiaten der Studienstiftung sowie Studierende des St John’s College, bereichernd und inspirierend. Das Insider-Wissen der St. Johns Studierenden war außerdem sehr nützlich für die Abend- und Freizeitgestaltung – Lieblingstreffpunkt blieb bis zuletzt die College-Bar.

Gruppenübergreifende Diskussionen und Aktionen

Wir alle haben uns in der Woche intensiv mit verschiedenen Aspekten der Zukunft beschäftigt, die anderen AGs haben sich mit den Themen „Health“, „Migration“, „Artificial Intelligence“, „Toxins and Toxicity“ sowie „Middle East“ auseinandergesetzt. Dadurch sind wir immer wieder in gruppenübergreifende Diskussionen gekommen, die auch gekennzeichnet waren durch den Drang, selbst etwas tun zu wollen.

So hat sich innerhalb der Woche das Projekt „Travel Green Project“ mit dem Ziel gegründet, universitäres Reisen nachhaltiger zu gestalten und Interrail mit Erasmus+ zu verbinden, sodass die Bahnreise Teil der Stipendienleistung wird. Außerdem gab es ein „Environmental Tinder“ mit dem Ziel, bestehende Projekte zu vernetzen, und Menschen mit Tatendrang zu bestehenden Projekten zu bringen. Aus der Zukunftsakademie des Vorjahres wurde zudem der „future.hub“ vorgestellt, ein im Nachklang an die Akademie gegründeter studentischer Think Tank mit dem Ziel, verschiedene NGOs sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen der Studienstiftung zu vernetzen.

Am einzig komplett freien Abend der Akademie wurde von einer Gruppe von Stipendiat*innen zudem ein Klima-Protest-Song für den globalen Klimastreik am 20. September aufgenommen, der im Vorfeld von einem Stipendiaten geschrieben worden war. Die Kernbotschaft des Songs spiegelte klar die allgemein herrschende Akademie-Stimmung wieder: Wir müssen jetzt handeln bevor es zu spät ist.

Insgesamt waren vor allem die Gespräche mit den Stipendiat*innen und Dozierenden inspirierend, mutmachend und haben besonders von der Interdisziplinarität der Arbeitsgruppen und dem Oberthema der Akademie profitiert. Nicht nur besteht bei uns jetzt ein besseres Verständnis dafür, was in Zukunft wichtig sein wird und wie mögliche Szenarien aussehen. Es besteht auch der Wille, diese Zukunft aktiv mitzugestalten und das Wissen, damit nicht alleine zu stehen und auf ein großes Netzwerk engagierter und unterschiedlich spezialisierter und talentierter Menschen zurückgreifen zu können.

So
What if
I stood still and wondered
Released the air from my lungs
What if
I have the Chance to empower
And even if
It was only one

Lena Benner studiert Biologie an der RWTH Aachen, Merle Jungenkrüger Rechtswissenschaften an der HU Berlin. Der erste und letzte Absatz der Berichts stammen aus einem Gedicht der Stipendiatin Joanna Neuss (Textilmanagement, Hochschule Borås/Schweden), welches sie während der Akademie geschrieben und beim Abschlussabend im Rahmen eines Poetry Slams vorgetragen hat.

Stand: September 2019