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On Tour: die Expeditionsakademie Sarajevo 2017

Die Stipendiatinnen Lioba Ruppert und Theresa Moormann vor dem Stadtpanorama Sarajevos © Lioba Ruppert und Theresa Moormann

Die Stipendiatinnen Lioba Ruppert und Theresa Moormann berichten von der Expeditionsakademie Sarajevo 2017.

Sarajevo begrüßt uns in Nebel getaucht. Dennoch können wir aus dem Flugzeug die Schönheit der Landschaft erahnen. Die Fahrt vom Flughafen zum Hotel führt uns durch die Innenstadt – und lässt uns spüren, dass der Krieg mit seinen Schäden noch immer allseits präsent ist. Wir fahren an leerstehenden oder zerstörten Gebäuden vorbei. An vielen Fassaden sehen wir Einschusslöcher und stellen uns vor, wie hier Menschen vor gerade einmal 20 Jahren heftig gekämpft haben.

Im Hotel angekommen, empfangen uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels sehr freundlich und zuvorkommend. Die Expeditionsakademie beginnt in lockerer Runde:  Die Gruppe der Stipendiatinnen und Stipendiaten ist sehr gemischt und offen, wir finden schnell Anschluss und haben interessante Gespräche.

Rolle der Frau in der Gesellschaft Bosnien und Herzegowinas

In der Arbeitsgruppe 3 „Gender and Sexuality in Bosnian History“ nehmen wir die Themen Geschlecht, Körper und Sexualität als zunächst vielleicht überraschenden aber letztlich sehr ergiebigen Ausgangspunkt, um uns aus einer interdisziplinären Perspektive mit der bosnischen Geschichte zu beschäftigen. So haben wir uns zum Beispiel ganz konkret mit der Rolle der Frau im Laufe der Geschichte Bosnien und Herzegowinas auseinandergesetzt. Diese hat sich analog zu den politischen, kulturellen und religiösen Entwicklungen im Land verändert.

Die Diskussionen profitieren von der bunten Zusammensetzung der Gruppe, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Geschichte jeweils aus einem anderen fachlichen Blickwinkel betrachten. Die beiden Leiter der Gruppe, Dr. Stefano Petrungaro (Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Universität Regensburg) und Dr. Fabio Giomi (Centre d’Études Turques, Ottomanes, Balkaniques et Centrasiatiques, École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris) verstehen es gut, die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen.

Es sind aber nicht nur die spannenden Diskussionen in der Arbeitsgruppe, sondern auch bei den gemeinsamen Kaffeepausen und Mahlzeiten, bei denen wir mit den Stipendiatinnen und Stipendiaten aus den anderen Arbeitsgruppen zusammenkommen.

Diskussion in der Botschaft, Planspiel bei der GIZ

Unsere erste Exkursion führt uns in die Deutsche Botschaft. Hier empfängt uns nicht nur der Gesandte und Vertreter der Botschafterin Christian Sedat, sondern auch die Generalsekretärin der Studienstiftung, Dr. Annette Julius. Nach einer kurzen Begrüßungsrede des Gesandten, in der er über die Chancen und Herausforderungen Bosnien und Herzegowinas spricht, lädt er uns zu einer Diskussion im Fishbowl-Format ein. Wir sind von seinen offenen und ehrlichen Antworten beeindruckt.

Im Rahmen einer Stadtführung besuchen wir außerdem das War Childhood Museum. Dort haben Menschen, die den Krieg als Kinder erlebt haben, persönliche Gegenstände ausgestellt. Kleine Tafeln verbinden den sichtbaren Gegenstand mit der Erinnerung des Kindes. Das ist sehr bewegend, schließlich kann man sich gut in seine eigene Kindheit hineinversetzen, wenn man sich zum Beispiel die Spielzeuge anschaut.

Darüber hinaus können wir aus verschiedenen Workshops wählen. Wir haben uns unter anderem für einen Workshops der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) entschieden. Hier führen wir ein Planspiel durch. Dabei schlüpfen wir in verschiedene Rollen, einige vertreten Bosnien und Herzegowina, andere die Bundesrepublik Deutschland. Es geht um Verhandlungen über Projektinvestitionen in Bosnien und Herzegowina.

Schnell verstehen wir: Das Dayton-Abkommen hat 1995 nach dreieinhalb Jahren zwar den Krieg in Bosnien und Herzegowina beendet, dafür aber den ethnischen Proporz zementiert. Herausgekommen ist ein teilweise kaum handlungsfähiger Gesamtstaat, bestehend aus zwei Teilrepubliken und drei ethnopolitischen Eliten. Am Ende des Planspiels sind wir in den Verhandlungen kaum ein Stück weitergekommen. Und so spiegelt unsere Simulation die gesellschaftliche Realität – leider – gut  wieder.

Besuch in Srebrenica

Die letzte Exkursion unternehmen wir zu der Gedenkstätte des Massakers von Srebrenica, offiziell bekannt als Srebrenica-Potočari-Gedenkstätte. Dort angekommen, empfängt uns ein Zeitzeuge in den Räumen des ehemaligen UN-Hauptquartiers. Er teilt mit uns seine persönlichen Erinnerungen an den Völkermord. Danach besichtigen wir, jeder für sich, die detailreiche Ausstellung. Außerdem besteht die Möglichkeit, über den Friedhof zu gehen, der für die Opfer angelegt wurde. Die vielen großen symmetrisch angeordneten Grabsteine helfen uns dabei, ein Gespür für das Ausmaß des Verbrechens zu bekommen. Wir empfinden den Besuch der Gedenkstätte insgesamt als sehr bedrückend. Darüber hinaus ist es erschreckend zu spüren, wie austauschbar und banal der Ort des Genozids auf uns wirkt.

Akademieabschluss

Am letzten Abend der Expeditionsakademie stellen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den einzelnen Arbeitsgruppen vor, womit sich in den zehn Akademietagen beschäftigt haben und zu welchen Erkenntnissen bzw. Ergebnissen sie gekommen sind. Es ist beeindruckend zu sehen, wie vielfältig die Inhalte und Ansätze sind. Von der Rolle von Religion in den gesellschaftlichen Zusammenhängen Bosnien und Herzegowinas über das komplizierte politische System infolge des Dayton-Abkommens oder die oralen Traditionen der Südslawen in Musik und Literatur bis hin zur Herausbildung einer neuer Völkerrechtsordnung infolge des Jugoslawien-Konflikts.

Lioba Ruppert und Theresa Moormann

Über die Expeditionsakademie Sarajevo

In der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo lässt sich die wechselhafte Geschichte Europas auf besondere Weise nachvollziehen: Gelegen an der Schnittstelle zwischen Orient und Okzident, zwischen Islam und Christentum und immer wieder an der Bruchlinie unterschiedlicher Großmachtsinteressen, wurde die Stadt über die Jahrhunderte hinweg wiederholt von Konflikten heimgesucht – zuletzt in den 1990er Jahren während des blutigen Bürgerkriegs im auseinanderbrechenden Jugoslawien. Zugleich lebten hier unterschiedliche Ethnien und religiöse Gruppen über lange Phasen vergleichsweise friedlich zusammen.

Dieser scheinbare Widerspruch wurde auf der Expeditionsakademie hinterfragt. Außerdem gab es Gelegenheiten, den heutigen Herausforderungen der bosnischen Gesellschaft und dem schwierigen Erbe des jugoslawischen Zerfallskriegs nachzugehen. Eine Exkursion zu der Gedenkstätte in Srebrenica, an den Ort eines der größten Massaker des Bosnienkriegs, war Programmteil der Expeditionsakademie. Die Unterbringung erfolgte im Hotel Saraj.

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Stand: Mai 2018