Akademie Wien 2019: „Die Kunst erwachte im Gespräch zum Leben“

Erstmals fand 2019 eine Sommerakademie in Wien statt. Mit dabei: die Stipendiatin Clara Dobbelstein. Hier erzählt sie von der Atmosphäre dieses Ortes, spricht über die Erkenntnisse aus der Arbeitsgruppe und berichtet von ihren Streifzügen durch den Wiener Kulturbetrieb.

Die Wiener Akademie hatte dieses Jahr Premiere: Zum ersten Mal hatten Stipendiatinnen und Stipendiaten im Rahmen des Akademieformats die Gelegenheit, mitten in der österreichischen Hauptstadt wissenschaftlich zu diskutieren, Kultur in unzählig vielen Museen zu erleben und Freizeitaktivitäten zu gestalten. Für mich wurde der Aufenthalt in Wien vom 29. Juli bis zum 7. August 2019  zu einer großartigen Erfahrung, die ich nicht vergessen werde.

Die Mischung aus der Atmosphäre dieses besonderen Ortes, der schon in der Vergangenheit eine Menge weltberühmter Künstlerinnen und Künstler anzog und zu herausragenden Werken animierte, und dem typischen Studienstiftungsflair wirkte sehr inspirierend auf mich. In diesen knapp anderthalb Wochen konnte ich weit mehr Impulse und Ideen sammeln als in der ganzen siebenwöchigen Klausurenphase vorher.

Sozial- und wirtschaftspolitische Entwicklungen in Wien zwischen den Kriegen

Ich nahm an der historisch ausgerichteten Arbeitsgruppe „Die Erfindung der Moderne: Wien 1916 – 1930“ teil, geleitet von PD Dr. Georg Eckert und Dr. Jan Vondráček, beide vom Historischen Seminar der Universität Wuppertal. Wir beschäftigten uns vor allem mit den sozial- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen in Wien zwischen den Kriegen. Dabei untersuchten wir, welche Konsequenzen der Zusammenfall der gewaltigen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn infolge des Ersten Weltkrieges hatte.

Wir näherten uns dem über diverse Quellen. An Franz Josephs Kriegserklärung „An meine Völker“ sowie Plakaten von Kriegsanleihen diskutierten wir die militärische Situation in der Doppelmonarchie, um den Ausgang des Krieges zu verstehen. Länger beschäftigten wir uns auch mit der Wohnungsnot im zum Teil zerbombten Wien, die durch einen starken Bevölkerungszuzug verschärft worden war, und besichtigten bei einer Exkursion Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus wie den berühmten Karl-Marx-Hof.

Es war spannend zu erfahren, dass Wien nach dem Krieg als Experimentierfläche für Visionäre wie Otto Wagner und Adolf Loos diente, die mit radikalen Forderungen und Thesen irritierten: Ornament sei ein Verbrechen, der moderne Mensch lebe schmucklos. Die architektonischen Ergebnisse dieser Gedankengänge wirkten neben den historistischen Fassaden der Ringstraße als heftiger Kontrast.

Doch nicht nur architektonisch, sondern auch politisch wurden Visionen laut: Der Justizpalastbrand von 1927, den Carl Ossietzky als „Wiener Bastillensturm“ bezeichnete, zeugte von den fatalen Konsequenzen, die der Zusammenprall von nationalistischen und sozialdemokratischen Forderungen mit sich bringen würde. Mit einem Ausblick auf den Austrofaschismus endete das Seminar. Sehr eindrücklich konnte ich die Umwälzungen nachvollziehen, die in nur wenigen Jahren abgelaufen waren, aber Österreichs heutige Gestalt begründet hatten.

Streifzüge durch Kunst, Kultur und Geschichte

Die freien Nachmittage nutzte ich, um gemeinsam mit anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten durch die weitläufige historische Altstadt zu streifen, deren Straßen ein prächtiges Palais neben dem anderen säumt, Museen zu erkunden und Gespräche in unserem Stammcafé Leopold Hawelka, einem typischen Wiener Kaffeehaus mit Schriftstellern und außergewöhnlich guter Sachertorte im Inventar, zu führen. In nur zehn Minuten gelangte man von unserem Übernachtungs- und Tagungsort mit der U-Bahn ins Zentrum.

Das Einzigartige an Wien war für mich, dass ich täglich stundenlang von Kunst umgeben.Ich besuchte die Albertina, das kunsthistorische Museum, das Hundertwasserhaus, das Leopoldmuseum und die Secession. Die Gemälde und Exponate interpretierten wir gemeinsam und machten uns auf Details aufmerksam, die dem ersten Blick entgingen.

Anschließend besprachen wir, was uns beeindruckt hatte und welche Maßstäbe wir für den Wert von Kunst haben. Ließ sich den in Farbe und Rinderblut gebadeten Leinwänden eines Hermann Nitsch heute noch etwas abgewinnen, oder war das nur ein Spiel mit Provokationen? Waren Techniken wie der Pointillismus bedeutsamer als solche Spielarten?

Diese Debatten waren es, die die Erinnerung an das Gesehene festigten und seine Wahrnehmung intensivierten. Die Kunst erwachte im Gespräch zum Leben. Der Ort Wien bot den Anstoß für diese Art des Austauschs, und das habe ich als sehr bereichernd empfunden.

Vorträge und Aktivitäten am Abend

Nach den vormittäglichen Arbeitsgruppensitzungen und den Besichtigungstouren an den Nachmittagen fanden abends Vorträge der Dozierenden statt. Man erhielt dadurch einen Einblick in die übrigen Themen und hatte Gelegenheit, über das Gehörte ins Gespräch zu kommen. Mal wurde ein klassischer Vortrag über ökonomische Prinzipien gehalten, mal wurden Kurzfilme über Roboter- Mensch-Interaktionen vorgeführt, mal bildete man einen Sitzkreis, um die von Freud geprägte Psychoanalyse in einer kleinen Übung zu erproben.

Nach diesen Programmpunkten schloss sich eine manchmal fast ebenso lange Fragerunde an, die stets bis tief in die Nacht hätte andauern können, bis auch den wissbegierigsten Stipendiatinnen und Stipendiaten die Augen zugefallen wären. Einige andere Teilnehmende und ich ließen viele Abende mit Musizieren ausklingen. Wir waren sehr erfreut über ein extra von der Studienstiftung gemietetes Klavier, mit dem sich viele Stücke begleiten ließen. Am Bunten Abend erklangen dann passenderweise Walzer von Johann Strauß und Dmitri Schostakowitsch.

Und es gab weitere Aktivitäten. Ich nahm an einem literarischen Abend teil, bei dem es allen offenstand, selbstgeschriebene Texte vorzulesen. Hinzu kamen Tanz-, Spiel- und Sportangebote. Wir durften im Hotel ein geräumiges Foyer mit Glasdach und verschiedene Seminarräume für diese Aktivitäten nutzen, dank guter Isolation wurde sogar gebilligt, dass der Geräuschpegel noch nachts um 12 Uhr auf mäßigem Niveau changierte. Die Entscheidung, früh ins Bett zu gehen oder aber diese Aktivitäten auszukosten, fiel dabei nicht schwer – eine Akademie ist ja nicht zur puren Erholung da.

Für alle, die auf lebhafte Diskussionen in Arbeitsgruppen und eine Fülle an Kunst und Kultur Lust haben, ist die Akademie in Wien genau das Richtige!

Clara Dobbelstein ist 19 Jahre alt und studiert Humanmedizin sowie Germanistik und Philosophie an der Universität Würzburg.

Stand: September 2019