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Akademie Roggenburg 2017: Stipendiat Ansgar Riedißer und die Frage nach der Weltliteratur

Ansgar Riedißer (li. stehend) bei der Vorstellung der Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe auf der Akademie Roggenburg 2017 © Dave Großmann

Ein barockes Kloster, eingebettet in eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, ist Kulisse für die Akademie Roggenburg. In diesem Jahr mittendrin: der Stipendiat Ansgar Riedißer. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was ist Weltliteratur?

Ich bin Ansgar Riedißer, 19 Jahre alt, studiere Germanistik und Arabistik an der Universität Leipzig – ich interessiere mich also für Text. Abgesehen von meinem Studium schreibe ich selbst seit einigen Jahren vor allem Lyrik und Kurzprosa. Deshalb habe ich mich auch sehr auf die Akademie Roggenburg gefreut – und die von mir besuchte Arbeitsgruppe  „Was ist Weltliteratur?“, geleitet von Lena Henningsen, Professorin am Institut für Sinologie der Universität Freiburg, und Clarissa Vierke, Professorin für Literaturen in Afrikanischen Sprachen der Universität Bayreuth.

Wir haben uns also mit Weltliteratur beschäftigt – man könnte auch sagen: mit Überforderungen: Wie können wir mit der unüberschaubaren Masse an Literatur aus verschiedenen geografischen, zeitlichen und kulturellen Kontexten umgehen? Wie manifestieren sich Machtverhältnisse in Literatur und Literaturwissenschaft? Wie lässt sich der Blick über Nationalliteraturen hinaus weiten? Was kann durch Übersetzung verloren oder gewonnen werden?

Verschiedene theoretische Texte boten Ansätze für erste Antworten: Pascale Casanova betrachtet die Literatur als eigene Welt, die ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Besonders interessiert sich Casanova für die Dominanzverhältnisse zwischen literaturgeografischen Zentren und Peripherien und deren Auswirkungen auf die lokalen literarischen Formen.

Der italienische Literaturwissenschaftler Franco Moretti wiederum schlägt die Methode des distant reading vor. Anhand von Sekundärliteratur, und damit unabhängig vom einzelnen Text, sollen Wanderungen von Motiven und Formen untersucht werden. Und schon Goethe sieht das Zeitalter der Weltliteratur gekommen, will aber als Ideal nur die alten Griechen akzeptieren.

Besonders spannend wurden die Diskussionen um diese Texte durch die verschiedenen fachlichen Hintergründe der Dozentinnen sowie der Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Sinologie, Germanistik, Altphilologie, Translatologie, Mathematik, Jura…

Und wir profitierten von den vielen unterschiedlichen Sprachen, die in der Gruppe gesprochen oder zumindest verstanden wurden: von Arkadisch über Latein und Chinesisch bin hin zu Italienisch und Arabisch.

Essen und Trinken als Leitthema

Die diskutierten Theorien wendeten wir auf verschiedene Texte an. Zum einen hatten alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen der AG im Vorfeld kurze Ausschnitte aus Primärtexten eingereicht, deren einzige Verbindung das vorgegebene Thema Essen und Trinken darstellte. So banal diese Feststellung klingen mag, eine große Herausforderung des Forschungsfeldes „Weltliteratur“ wurde uns in der Diskussion immer wieder deutlich: die enorme Vielfalt an Texten, kulturellen Hintergründen und Epochen.

Das Gilgamesch-Epos mit Sherlock Holmes und Gedichten von Pablo Neruda zu vergleichen, ist gewagt – aber diese willkürliche Zusammensetzung an Primärtexten bot auch die Chance, die bisher vertrauten literaturwissenschaftlichen Methoden für einen Moment außer Acht zu lassen und beispielsweise die identitätsstiftende Wirkung von Essen und Trinken unabhängig von Zeit und Ort zu untersuchen – oder eine kleine Literaturgeschichte der Marke Coca-Cola aufzustellen.

Neben den mitgebrachten Ausschnitten betrachteten wir ein Werk mit starkem Bezug zum Essen und Trinken als kompletten Text näher: Am Beispiel des international erfolgreichen Romans „Die Vegetarierin“ der südkoreanischen Autorin Han Kang konnten wir einige Abläufe, Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen des globalisierten Literaturbetriebs nachvollziehen: In den unterschiedlichen Übersetzungen wurden beispielsweise koreanische Speisen unterschiedlich umschrieben, um dem jeweiligen Zielpublikum zu entsprechen – und dabei zum Teil so stark verändert, dass zwischen den Übersetzungen kaum noch eine Gemeinsamkeit bestand. Auch die Covergestaltung fällt sehr unterschiedlich aus – von der exotischen weiblichen Schönheit auf dem chinesischen Cover bis hin zu Blumen und Körperteilen auf dem deutschen.

Auch in der literaturkritischen Rezeption des Romans in verschiedenen Ländern wurde deutlich, wie kulturelle Unterschiede wahrgenommen werden: Mal soll das Werk durch Vergleich  mit hierzulande geläufigeren Autoren wie Franz Kafka oder Herman Melville angepasst und eingeordnet werden, mal werden mit großer Freude am Exotismus koreanische Speisenamen aufgezählt.

Der Bundestagswahlkampf wirft seine Schatten voraus

Zu alldem war während der Akademiewoche der langsam Fahrt aufnehmende Bundestagswahlkampf  auch im beschaulichen Roggenburg angekommen: Natürlich drehten sich viele Gespräche im Speisesaal oder Aufenthaltsräumen um Parteiprogramme und Umfragewerte. Immer wieder entwickelten sich Grundsatzdiskussionen zur Rolle der Medien, der Parteien, der scheinbaren Selbstverständlichkeit von Freiheit und Demokratie – sehr ernste Momente in der positiven Stimmung der Akademie.

Die ansonsten geprägt war vom großen Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Freizeitgestaltung: Mittelaltertanz, Zumba, Laufgruppen, Doppelkopf, Werwölfe und Skat, Lagerfeuer, das Staffelfinale von Game of Thrones und, und, und – eine  in allen Aspekten bereichernde und im schönsten Sinne überwältigende Woche.

Über die Akademie Roggenburg

Die Studienstiftung veranstaltet die Akademie Roggenburg in enger Zusammenarbeit mit der Jungen Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Mitglieder der Jungen Akademie übernehmen als Dozentinnen und Dozenten die Leitung der Arbeitsgruppen.

Die einwöchige Akademie im oberschwäbischen Roggenburg bietet eine gute Mischung aus intensiver Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen in Arbeitsgruppen an den Vor- und Nachmittagen sowie selbst organisierter Freizeit. Es gibt viele Möglichkeiten für Wanderungen, Radtouren, Exkursionen nach Ulm sowie Ausflüge zum nahe gelegenen Klosterweiher, der zum Baden und Bootfahren einlädt.

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Stand: Februar 2018