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Porträts

Tatjana Merzyn

Schulmusik und Geschichte

Universität der Künste, Berlin

Tatjana Merzyn (24) studiert die Fächer Schulmusik und Geschichte an der Universität der Künste in Berlin. Für die Studienstiftung wurde sie von ihrer Schule vorgeschlagen. Seit dem Abitur engagiert sie sich in einem sozialen Musikprojekt in Peru.

Inwiefern hat Ihr persönlicher Hintergrund Sie geprägt?

Ich komme aus einem Akademiker-Elternhaus, das mich immer sehr unterstützt und gefördert hat. Eine besondere Rolle spielte dabei die musikalische Förderung. Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Geige zu spielen, später kamen dann das Klavier und die Bratsche hinzu. Mit 14 wurde ich Mitglied im Landesjugendorchester und später in vielen weiteren Orchestern. Ich besuchte zwei humanistische Gymnasien. So traf ich sowohl in der Schule als auch in meiner Freizeit vor allem auf andere Akademikerkinder. Viele Freunde werden bzw. sind inzwischen Juristen, Mediziner oder Lehrer, wenn sie nicht auch Musik studiert haben.

Einerseits habe ich mich in diesen Kreisen sehr wohl gefühlt, andererseits hatte ich auch immer wieder das Bedürfnis auszubrechen und nicht nur von Menschen umgeben zu sein, für die Wissenserwerb und das Erreichen einer gesellschaftlich angesehenen Position so zentral sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich ganz selbstverständlich die Einstellung meiner Umgebung übernommen habe, dass man seine Zeit „sinnvoll“ nutzen muss und es erstrebenswert ist, einen möglichst hohen Abschluss und später einen möglichst guten Beruf zu erreichen, in dem man sich selbst verwirklichen kann. Ich sehe nach wie vor viele positive Aspekte an dieser Einstellung, aber als ich nach der Schule für sieben Monate nach Peru gegangen bin, um dort im sozialen Musikprojekt Arpegio zu arbeiten haben sich viele meiner Ansichten verändert und relativiert.

Ich bin in Peru auf viele Menschen getroffen, die aus verschiedenen Gründen – oft aus finanziellen – nicht die Möglichkeit hatten, einen hohen Bildungsstand zu erreichen. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sie ein erfülltes Leben haben. Vor allem war ihr Wertebewusstsein und ihr Engagement für ihre Mitmenschen keinesfalls weniger ausgeprägt. Diese Erfahrungen haben mir dabei geholfen, dankbar und demütig zu sein und mich nicht aufgrund meines vergleichsweise hohen Bildungsniveaus überlegen zu fühlen. Zugleich haben sie mich darin bestärkt, dass ich meine musikalische und pädagogische Ausbildung, die ich in meiner Jugend und im Studium erworben habe, dazu zu nutzen, anderen Menschen, die in Bildungsfragen weniger privilegiert sind als ich, dieses Wissen weiterzugeben und damit die Verständigung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten mithilfe der Musik zu fördern.

Seit mehreren Jahren engagieren Sie sich für ein Musikprojekt in Perú. Was motiviert Sie dabei?

Seit 2006 bin ich jedes Jahr für zwei bis drei Monate in Trujillo (Peru), wo ich im Musikprojekt Arpegio Perú mitarbeite. Meine Aufgaben dort sind sehr vielfältig und entsprechen ziemlich genau der Mischung, die ich mir auch für mein Berufsleben vorstelle: Ich unterrichte Geige, Bratsche, Klavier und Kammermusik, ich leite Orchester- und Chorproben, ich organisiere die Zusammenarbeit mit einer Freiwilligenentsendeorganisation, betreue die rund zwölf Freiwilligen pro Jahr und ich übernehme administrative Aufgaben. Zugleich komme ich inzwischen mit steigendem Niveau der Schüler musikalisch selbst immer mehr auf meine Kosten, indem ich die Schüler am Klavier begleite oder Kammermusik mit ihnen mache.

Besonders schön an meiner Tätigkeit finde ich, dass ich das Gefühl habe, verhältnismäβig mehr bewirken zu können als zum Beispiel in Berlin, wo das Kulturleben schon so reich und die Zahl hochqualifizierter Musiker und Pädagogen so hoch ist. Ich sehe, wie die Schüler im Laufe der Jahre nicht nur musikalisch viel dazugelernt haben, sondern auch an Selbstbewusstsein und Verantwortungsgefühl dazugewonnen haben. Auβerdem habe ich den Eindruck, dass das Bewusstsein für den Wert von künstlerischer Bildung allgemein im Umfeld des Projekts langsam steigt, so dass die Arbeit des Projekts auch auf die Familien und Freunde der Schüler ausstrahlt.

Sie werden neben der Studienstiftung auch durch das Evangelische Studienwerk Villigst gefördert? Wie erleben Sie die Doppelförderung?

Zu Beginn meines Studiums habe ich mich parallel bei der Studienstiftung und beim Evangelischen Studienwerk beworben. Glücklicherweise wurde ich bei beiden aufgenommen. Beide Förderwerke haben ihre Stärken und Schwächen. Trotz der groβen stipendiatischen Mitspracherechte bei Villigst fand ich z. B. das Seminarangebot bei der Studienstiftung ansprechender und habe daher auch nur hier Sommerakademien besucht. Die Stipendiatengruppe von Villigst in Berlin ist sehr viel kleiner und dadurch weniger anonym als bei der Studienstiftung. Bei beiden fühlte ich mich gut in meinen Vorhaben gefördert und bei beiden bin ich bei Fragen und Problemen auf offene Ohren gestoβen. Bei Villigst hat man ein bisschen mehr Verpflichtungen sich für das Förderwerk zu engagieren. Ich bin denen gerne nachgegangen, habe es aber auch als angenehm empfunden, bei der Studienstiftung nicht derlei Verpflichtungen zu haben.

Sie wurden von Ihrer Schule für die Studienstiftung vorgeschlagen. Welche Erfahrungen haben Sie beim Auswahlseminar gemacht?

Ich wurde von der Schule vorgeschlagen und anschlieβend zum Auswahlwochenende nach Neumünster eingeladen. Ich fand schon das Wochenende sehr anregend, weil es viele sehr engagierte und interessierte Mitbewerber gab und es während der Auswahlpräsentationen aber auch auβerhalb zu spannenden Diskussionen und Gesprächen kam. Deshalb dachte ich mir danach, dass sich die Bewerbung allein des Wochenendes wegen gelohnt hat, auch wenn ich nicht genommen worden wäre. Etwas befremdlich fand ich, dass uns am Anfang eine Nummer zugeordnet wurde und wir auf dem Zeitplan nur als Nummern verzeichnet waren. Das machte auf mich ein bisschen den Eindruck einer Massenabfertigung. Auβerdem fand ich die Konstellation mit drei Auswählern, die jeweils bei einem der beiden Gespräche bzw. der Gruppenpräsentation alleine eine Punktzahl an die Bewerber vergeben nicht ideal.

Gemeinsam mit anderen Mitbewerbern habe ich überlegt, dass ich es besser fände, wenn die Auswähler jeweils zu zweit oder dritt zusammen säβen und dann gemeinesm ihre Eindrücke von den Gesprächen diskutieren. Dann könnte man auch überlegen Stipendiaten mit in die Auswählteams zu nehmen.

Was würden Sie möglichen zukünftigen Bewerbern sagen?

Erstens, dass sie sich in jedem Fall bewerben sollen. Wie gesagt fand ich allein das Auswahlwochenende schon eine sehr bereichernde Erfahrung. Und zweitens dass die Studienstiftung ein gutes Netzwerk bietet, um interessante Menschen kennenzulerenen und viel Förderung, ohne dass man zur Teilnahme verpflichtet wird.

Mai 2013